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Foto Netzwerktreffen Saal - Illustration zu BesucherInnen - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Full House beim 9. Netzwerktreffen Kreativ.Quartiere Ruhr

  
Dialog ist die Grundlage und Strategie des Landesprogramms Kreativ.Quartiere. Und daher verwundert es nicht, dass das mittlerweile neunte Treffen von Politik, kommunaler Aministration sowie KünstlerInnen und Kreativen denn auch als Dialogveranstaltung wieder einmal einlud, sich auszutauschen. Anlass war dieses Mal die Einführung der neuen „Fördersäule“ zur individuellen Förderung von KünstlerInnen und Kreativen – zunächst als Pilot geplant, ist dieses Instrument eine Erweiterung des bisherigen Förderrahmens Kreativ.Quartiere Ruhr, der sich seit 2012 (und inzwischen wissentlich) erfolgreich etabliert hat. Im würdigen Rahmen wurden im Kino des Dortmunder U die Konzeptideen vorgestellt und – mit großen Engagement der TeilnehmerInnen – diskutiert. 

Insgesamt eine gute Sache, so der Tenor der BesucherInnen. Nicht nur, weil hiermit eine neue Unterstützung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen und Kreativen Erleichterungen in die Alltagswelt der Kreativschaffenden bringen soll. Sondern auch, weil sich das Programm bereits während der ersten Erprobung mit den Ideen und Kritiken der „Betroffenen“ auseinander setzt. 

Wenngleich hier von Seiten des Landes über das Ministerium für Familie, Kinder, Jungend, Kultur und Sport (MFKJKS) des Landes NRW in Abstimmung mit ecce und unter Rücksprache mit PartnerInnen und Protagonisten eine intensive Vorarbeit geleistet wurde, so sollen sich die noch in diesem Jahr möglichen finanziellen Zuwendungen den Anforderungen und Möglichkeiten, ja auch Erwartungen (in) der Realität bewähren. Die zugrunde liegenden Konzeptideen (hier einzusehen) waren daher nicht nur Grundlage einer lebhaften Diskussion, sondern sollen sich auch im Prozess mit einer stetigen Reflexion optimal entfalten können. Aus Sicht des ecce-Teams ist diese partizipative Vorgehensweise, die sich schon im Landesprogramm Kreativ.Quartiere Ruhr bewährt hat und die Kräfte an Front (allgemein als Bottom up-Qualitäten postuliert) berücksichtigt, eine gute Basis für den Erfolg. Wer sich also auch zukünftig einbringen möchte, sowohl mit qualifizierter Kritik als auch – gern – mit inspirierenden Ideen, ist herzlich eingeladen. 

Für den Besuch aus dem Düsseldorfer MFKJKS (Reinhard Krämer) und dem Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes NRW (Ulrike Coqui) danken wir ebenso wie für die Teilnahme unserer Kompetenzpartner Dr. Uwe Schramm (KunstVereineRuhr) und Jochen Heufelder (new talents / Köln), die laut Erklärung des MFKJKS zukünftig im Rahmen der IKF unterstützt werden. Gern danken wir auch Sebastian Becker für die gelungene fotografische Aufbereitung unseres Netzwerktreffens, die wir hier in Ausschnitten vorstellen… 

Foto Netzwerktreffen Dortmunder U - Illustration zur Location - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Anmeldung - Illustration zum Ablauf - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Mikrofon - Illustration zum Dialog - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Prof. Dieter Gorny - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Reinhard Krämer (MFKJKS) - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Illustration zum Dialog - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Bernd Fesel (ecce) - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Illustration zum Dialog - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Arbeitsunterlagen - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Nele Marx (ecce) - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Dr. Uwe Schrramm (KunstVereine  Ruhr) - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Jochen Heufelder (new talents) - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Kompetenzpartner im Dialog - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Netzwerktreffen Publikum - Foto (C) Sebastian Becker / ecce

Natürlich hatten wir auch ein offizielles Begrüßungsfoto. Wir stellen gerne vor (von links nach rechts): Dr. Uwe Schramm (KunstVereineRuhr), Bernd Fesel (ecce), Ulrike Coqui (MWEIMH), Stefanie Rogg (ecce), Jochen Heufelder (new talents), Prof. Dieter Gorny (ecce), Reinhard Krämer (MFKJKS), Jasmin Vogel (Dortmunder U), Christian "Punky" Bahr und Jan Schoch. 

Begrüßungsfoto zum 9. Netzwerktreffen Ruhr vor dem Dortmunder U

   

 

  

Kunstwerk im Baum

Zwei Künstler ziehen ihre Linien im Ruhrgebiet

Hoch über den Dächern von Duisburg zeichnen sich schwarze Linien vor blauem Himmel ab, als ob sie Teil der Fernsehantennen-Silhouetten wären. Nicht weit davon entfernt in einer leeren Aula scheint eine Zeichnung aus schwarzen Linien mitten im Raum zu schweben. 

Wenn man heute genau diese Orte aufsucht, die auf den Fotos des Kunstprojekts “Hold the Line” von Pascal Bruns und Becker Schmitz zu sehen sind, sind diese “Zeichnungen” längst verschwunden. Erwischt man aber den Moment, in dem die beiden Künstler die Linien im Raum mit Folie ziehen, kann man sie noch als dreidimensionale Skulptur im Raum erleben. 

Ein bisschen sei dieser Akt der “Zeichnung” wie ein abstraktes Graffiti im Raum, sagt Becker Schmitz: “Wir gehen hin, spannen die Linien, machen ein Foto und hauen wieder ab.” Aber damit ist die Arbeit noch nicht zu Ende. Eigentlich fängt sie da gerade erst an.

Pascal Bruns

Transformation: Skulptur wird Zeichnung, analoge Orte werden zum digitalen Atlas

Die Dokumentation, also die Abbildung der Linienkonstruktion, ist Teil des Kunstwerks, weil sie die Grundlage bildet für den wichtigsten Part des Projekts: die Transformation. Auf dem Foto werden die durch den Raum gespannten Folien zur zweidimensionalen Zeichnung. “Mir geht es hier vor allem um die Materialbeschaffenheit, um den Transfer in die Zeichnung, der scheinbaren Zeichnung, denn es ist ja eigentlich gar keine”, sagt Becker Schmitz. Das ist aber nur eine Art der Transformation. "Der Wandel vom Analogen ins Digitale ist ein wichtiger Aspekt bei Hold the Line”, sagt Pascal Bruns. “Wir bauen das Konstrukt analog auf, fotografieren es ab, haben aber eine digitale Bildausgabe, die digital weiterverarbeitet wird."

Diese digitale Weiterverarbeitung kann sich jeder im Internet im Blog des Kunstprojekts anschauen. Jeden Standort ihrer Zeichnungen im Raum legen die beiden Künstler mit Koordinatenangaben in einer Google Map an. Auf der Karte wiederum werden die einzelnen Standorte automatisch durch Linien verbunden.

Je nachdem wie weit man in die Karte hineinzoomt, ergeben sich andere Linienkonstrukte, ziehen sich quer durch Europa. Zoomt man weiter hinein ins Ruhrgebiet und noch weiter in die Region um Duisburg werden die Standorte immer dichter. "Das zeigt auch, wo Heimat ist, wo der Lebensmittelpunkt ist, wo man sich vielleicht auch auskennt", sagt Becker Schmitz.

Raumlinien, Werk von Bruns

Initialzündung im Rheinpark

Seit 2009 arbeiten die beiden Künstler an Hold the Line. Kennengelernt haben sich Fotograf und Designer Bruns und Künstler Becker Schmitz bei einem anderen Projekt mit verschiedenen Kreativen. Im Duisburger Rheinpark kam den beiden die Idee, etwas zusammenzumachen. "Stefan hatte transparente Folien und Sprühdosen dabei und fing auf einmal an, Linien zwischen den Bäumen zu spannen", erzählt Pascal Bruns. "Da haben wir uns überlegt, dass wir daraus etwas machen können”, ergänzt Becker Schmitz. “Wir wollten sauber und konzeptionell arbeiten, unsere jeweiligen Kompetenzen verknüpfen und damit ein wertvolles Projekt schaffen. Das haben wir dann einfach gemacht.”

Die Fragestellungen bei der Arbeit im Raum hat fast einen politischen Aspekt. "Wir diskutieren mit unserer Arbeit ja auch die Grenzen von privatem und öffentlichem Raum", sagt Becker Schmitz und denkt dabei beispielsweise an die Wahrnehmung von Orten wie Malls und Einkaufszentren. "Es gibt ganz viel Wandel im Verständnis von öffentlichem und privaten Raum, und den diskutieren und begleiten wir ein Stück weit mit unserer Kunst."

BeckerSchmitz

Living in a Sculpture: Vom öffentlichen Raum in die privaten Räume Oberhausener Bürger

Ohne Zweifel privaten Raum betreten Bruns und Becker Schmitz mit ihrem aktuellen und vom Land geförderten Projekt "Living in a Sculpture", das die beiden in Kooperation mit kitev realisieren. Dabei konstruieren sie ihre Zeichnungen in Wohnräumen Oberhausener Bürger. Wie bei Hold the Line soll auch hier ein Blog mit Karte die einzelnen Standorte im Netz sichtbar machen. Zum Abschluss der Aktion wird es im Februar/März 2016 eine Ausstellung geben, in der sich alle Teilnehmer kennenlernen – ganz analog. 

Das Ruhrgebiet und seine Underdog Mentalität

Becker Schmitz lebt von seiner Kunst. Inzwischen ist der nach Stationen in Berlin und Duisburg wieder zurück in seine Geburtsstadt Moers gezogen. Als Niederrheiner mag er die Ruhe, sagt er, zieht sich immer wieder gern zurück in sein Refugium. Wo er seine Bilder malt, spielt für Becker Schmitz keine Rolle. Auch wenn das Ruhrgebiet als Arbeitsort schon gut zu seiner Mentalität passe. "Das Ruhrgebiet als eine der am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands ist ja doch eine Art Underdog und dieses Image gefällt mir sehr", meint Becker Schmitz. "Das gibt mir im Herzen ein Gefühl der Wahrhaftigkeit."

 

Text: Carmen Radeck. Fotos: Titelfoto, Foto 1+2 (c) Bruns, Foto 3: (c) Marvin Böhm

 

 

Herten, Ewaldstraße

Kreativ.Quartier Herten Süd - ganz schön schräg und nah am Menschen

Herten Süd rund um die Ewaldstraße ist kein hippes Szeneviertel. Es ist ein Kreativquartier auf den zweiten Blick. Die schrägen Ideen und Aktionen, die die kreative Arbeit im Quartier ausmachen, sieht man weniger in den Schaufenstern ehemaliger Leerstände. Man findet sie vielmehr hinter den Kulissen, in privaten oder öffentlichen Räumen. Vor allem aber in den Köpfen der kreativen Akteure und ihrem Engagement, mit jeder Aktion die Hertener Bürger und Besucher ins Boot zu holen, sie mitgestalten zu lassen. 

Alessa Heuser, INKOTA

Quartiersentwicklung gehört hier zum Leben dazu

Dr. Siegbert Panteleit, Standort- und Projektentwickler und der Mann, der die schrägen Ideen nach Herten brachte, steht gerade auf und packt noch ein paar Dokumente zusammen, als ich den Raum mit dem großen dunklen Holztisch in Claudia Heinrichs Wohnung betrete. Unzählige Treffen der Akteure des Kreativquartiers haben an diesem Tisch schon stattgefunden, zum gegenseitigen Austausch, um neue Projekte zu besprechen oder Pläne zu schmieden. Claudia Heinrichs betreut und koordiniert die Entwicklung des Quartiers von städtischer Seite aus. Dass die Treffen oft in ihrer Privatwohnung an der Ewaldstraße stattfinden, passt gut zu der Auffassung von Quartiersentwicklung in Herten. Sie ist Teil des Lebens und reicht hinein bis in die privaten Räume.

Seit vielen Jahren ist Claudia Heinrichs im Prozess des Stadtumbaus Hertens involviert. Noch bis ins Jahr 2000 war hier der Bergbau bestimmend für Leben und Arbeit in der Stadt. Mit Schließung der Zeche Ewald in Herten Süd drohte dann Anfang der 2000er Jahre die Stadt zu kippen. Leerstände, Spielhallen und Arbeitslosigkeit bestimmten die Situation der Stadt. “Keiner hat damals mehr an den Stadtteil geglaubt”, sagt Claudia Heinrichs heute.

Schräge Geschäftskonzepte: Oma lebt weiter

Junge Familien sollten sich wieder ansiedeln, leerstehende Ladenlokale mit attraktiveren Geschäftsideen als Spielhallen bestückt werden. Die Sanierung der Fassaden war ein erster Schritt. Und was die Leerstände anging, “da mussten wir ein bisschen schräger denken”, sagt Claudia Heinrichs. Mit dem Wettbewerb “Fläche sucht Gründer” sollten Gründer und junge Unternehmer ins Viertel gelockt werden.

Trashkünstler Punky Bahr war einer von ihnen. Er lebte damals noch in Recklinghausen, als er von dem Wettbewerb erfuhr. Ihn überzeugten vor allem die Konditionen: ein halbes Jahr mietfrei, danach erstmal die halbe Miete. Sein Geschäftskonzept: Entrümpelung und Haushaltsauflösungen. Sein Firmenname: “Oma lebt weiter”. Denn was Punky vom Gerümpel noch gebrauchen kann, verwandelt er in Kunst oder kreative Gebrauchsgegenstände.

Auch Punkys Kunst und kreative Ideen reichen bis in seine privaten vier Wände, sein sogenanntes Wohnatelier. Er hat sich nicht nur mit seinem Unternehmen angesiedelt, sondern ist inzwischen eingefleischter Hertener. “Ich wurde hier von Anfang an mit offenen Armen empfangen”, sagt Punky Bahr. Nicht zuletzt deshalb zählt er zu den engagierten Akteuren des Kreativquartiers. “Ich brenne einfach dafür”, sagt er. Was ihn von der kreativen Arbeit in Herten besonders überzeugt: “Es geht hier nicht um die Ansammlung von ein paar Künstlern. Es geht hier darum, die Leute von der Straße zu holen. Hier ist der Bürger mittendrin und wird selbst zum Künstler.” Kreative Sozialarbeit nennt Punky das.

Punky Bahr und Claudia Heinrichs

Familienfest mit eigener Sagengestalt - Der Katzenkönig

Neben seiner Kunst ist er auch einer der Initiatoren des mittlerweile schon traditionellen Katzenkönigfestes - einem Familienfest rund um den legendären “Katzenkönig”. Die von Dr. Siegbert Panteleit erfundene Sagengestalt, die zusammen mit Punky zum Leben erweckt wurde, führt inzwischen ein Eigenleben und ist Liebling der Hertener Kinder. “Es gibt hier Kinder, die sind seit dem ersten Fest bekennende Katzenkönig-Fans”, sagt Punky. Auch in diesem Herbst gibt es eine Neuauflage des Familienereignisses.

Der Mut zu schrägen Ideen und die kreative Einbindung der Bürger in die Aktionen zieht auch andere Akteure und Vereine in die ehemalige Bergbaustadt. Besonders stolz ist Claudia Heinrichs darauf, dass das erlebnispädagogische Projekt “Waldritter e.V.” plant, mit seiner Zentrale nach Herten zu ziehen - samt Familien und neuen Arbeitsplätzen.

Sommerakademie und Extraschicht

Ihre unter die Haut gehenden Rollenspiele, die sie deutschlandweit veranstalten, waren natürlich auch Bestandteil des bisherigen Höhepunkts der kreativen Quartiersentwicklung in Herten Süd: der Sommerakademie. Internationale Studenten kamen dazu nach Herten, um das Quartier kennenzulernen, es mitzugestalten und an den Projekten der Künstler und Kreativen des Quartiers mitzuwirken - vom Poetry Pub über die Waldritter bis hin zum Tanztheater von Denis Dougban. Als Kreativzentrale wurde übrigens das leerstehende Woolworth-Ladenlokal genutzt.

Dieses Projekt zu stemmen, war für Claudia Heinrichs und alle beteiligten Künstler und Akteure ein echter Kraftakt, kam die Zusage der Förderung vom Land fast zu spät, um das Projekt so ausklingen zu lassen, wie geplant: Auf der großen Bühne der Extraschicht auf Zeche Ewald. Doch mit viel Engagement und vereinten Kräften hat es dann doch geklappt. “Was da in der kurzen Zeit entstanden ist, ist grandios”, sagt Claudia Heinrichs.

Punky Bahr, der mit seinem Projekt - selbstgebauten, skurrilen Fahrzeugen - als Vorparade zur Extraschicht Richtung Zeche Ewald zog, erinnert sich vor allem an die intensive Tanzaufführung unter der Leitung von Denis Dougban. Thema war ein reales Ereignis: Ein junger Künstler aus dem Quartier, der sich wegen seiner bipolaren Störung vor einigen Jahren das Leben nahm. “Das war schon Gänsehaut pur”, sagt Punky.


„Das Geld interessiert sich wieder für Herten“

Inzwischen zeigt sich, dass die Quartiersarbeit in Herten Süd nicht nur auf der Extraschicht-Bühne Erfolge feiert. So langsam wird das Viertel auch als Lebens- und Wohnraum wieder interessant, ob für Familien oder Investoren. Wie Claudia Heinrichs es schmunzelnd ausdrückt: “Das Geld interessiert sich wieder für Herten.”

Text & Fotos: Carmen Radeck

 

Pflanze im Boden

Die ernährungskompetente Stadt - Zukunft der Landwirtschaft in Städten 

Fische, Gemüse und Kräuter aus dem Gewächshaus im eigenen Garten, Dächer und stillgelegte U-Bahntunnel als Anbauflächen für Nutzpflanzen, Gemüseanbau an öffentlichen Orten in der Stadt. All das sind aktuelle Entwicklungen - teils back to the roots, teils innovativ - die dem Ernährungssystem, wie es heute besteht, etwas entgegensetzen wollen. Anbau und Herstellung von Lebensmitteln soll wieder dort verortet werden, wo der Verbraucher sie konsumiert. Wie das in der Stadt verwirklicht wird und werden kann, das war Thema des Symposiums "Urbane Landwirtschaft - Innovationspotentiale und Zukunftsperspektiven in der Stadtentwicklung" am 1. Oktober in Dortmund, organisiert von der hei-tro gmbh, die sich mit der Entwicklung von Aquaponik-Systemen beschäftigt.

Alessa Heuser, INKOTA

Das Ernährungssystem heute - paradox und nicht zukunftsfähig

Das Ernährungssystem, wie es heute bestimmt wird - nämlich industriell und global - ist nicht zukunftsfähig, so das Credo des ersten Vortrags von Alessa Heuser vom INKOTA Netzwerk Berlin. "Was für die vergangenen 40 Jahre galt, wird uns in den kommenden 40 Jahren in die Sackgasse führen", sagt sie. Warum, das demonstrieren die eklatanten Paradoxien, die das Welternährungssystem mit sich bringt. 

Obwohl die Landwirtschaft heutzutage Getreide in einer Menge einfährt, mit der man mehr als 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, herrscht in vielen Teilen der Welt Hunger und Mangelernährung. In diesem Zusammenhang besonders paradox: Die mit 50 Prozent größte hungernde Bevölkerungsgruppe ist die, die am meisten produziert - bäuerliche Kleinbetriebe. 

Auf der anderen Seite nimmt der Anteil übergewichtiger Menschen zu. Bekannte Gründe hier: ungesunde Ernährung und die Entfremdung der Herkunft unserer Nahrungsmittel. Lebensmittelverschwendung ist das dritte große Thema in diesem Zusammenhang. "Die Hälfte des Getreides, das produziert wird, wird weggeschmissen", referiert Alessa Heuser. Ein Teil auch, weil es beispielsweise nicht den EU-Normen entspricht und nicht verkauft werden darf. Heusers Fazit: "Das Ernährungssystem muss lokaler werden. Wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft, in der sich Nahrungsmittelerzeuger und Verbraucher wieder begegnen.”

 

Urban Farming USA

Ernährung muss städtisches Thema werden

Wenn sich die Ernährung aber wieder auf lokaler Ebene abspielt, muss das Thema zurück in die kommunale Politik, sagt Philipp Stierand vom Dortmunder Blog "speiseräume - Stadt/Ernährung". Eine Tendenz der Maßstabsverschiebung weg vom derzeitigen delokalisierten und passiven Ernährungssystem sieht er bereits bei den Stadtbewohern. "Die Konsumenten haben wieder ein Bedürfnis nach Vertrauen und Fairness", meint Stierand. Verschiedene Bewegungen und Initiativen von ernährungsbewussten Menschen und Gemeinschaften bestätigen diesen Trend. Solche Bewegungen fasst Stierand unter den Begriff der "urbanen Landwirtschaft" zusammen und grenzt sie von der “städtischen Landwirtschaft” ab. Damit sind die landwirtschaftlich genutzten Flächen um die Städte oder Ballungsgebiete herum gemeint. 

Im Ruhrgebiet beispielsweise werden 39 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Doch der Anteil schrumpft zunehmend. Neue Formen und Bewegungen von Landwirtschaft in der Stadt zeigen sich, laut Stierand, seit Anfang 2000. Beispiele hierfür sind Selbsterntegärten, wie auch in Dortmund welche zu finden sind, oder Urban Farming, also beispielsweise die Nutzung eines ehemaligen U-Bahntunnels in London. Auch bilden sich Szenen wie die New Food Economy, die kreative Landwirtschaft im Fokus hat und Lebensmittelhandwerk neu definiert. 

Für Städte und Kommunen bedeutet diese Maßstabsverschiebung, das Thema Ernährung wieder zu ihrem zu machen. Stierand spricht hier von der "ernährungskompetenten Stadt". Der Blogger sieht hier große Potenziale, aber auch große Herausforderungen, "Herausforderungen allerdings, die sehr lecker sind".

Urbane Landwirtschaft, Stuhlkreis

Urbane Landwirtschaft in der Praxis: Urban Gardening und Aquaponik

Wie Formen der urbanen Landwirtschaft in der Praxis aussehen, referierten Carlos Tobisch und Rolf Morgenstern von den Urbanisten, einem gemeinützigen Verein in Dortmund mit dem Ziel, das städtische Zusammenleben der Menschen vor Ort zu verbessern und neue Perspektiven für urbane Lebensräume zu schaffen. Urban Gardening und Aquaponik sind zwei Formen, mit denen sich die Urbanisten derzeit intensiv beschäftigen.

“Urban Gardening” beschreibt das Gärtnern im städtischen Raum im Gegensatz zur klassischen Landwirtschaft auf dem Land, erklärt Carlos Tobisch in seinem Vortrag. Schon in früheren Zeiten hat es solche Formen gegeben, vor allem in Krisen- und Kriegszeiten, also eher aus der Not heraus entstanden.

Heute herrschen ganz andere Motivationen vor. So wird das Gärtnern in der Stadt häufig als Gemeinschaftsaktion betrieben und als Spielwiese empfunden, um eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen, beispielsweise alte Sorten wieder anzubauen. Eine große Motivation für viele urbane Gärtner ist es aber, wieder selbst einen Bezug zum Anbau und zur Herstellung der eigenen Nahrung zu bekommen, die natürlichen Wachstumsabläufe selbst zu erleben.

Eine weitere Motivation sieht Tobisch in der aktiven Teilhabe an der Stadtentwicklung. In NRW jedenfalls wird Urban Gardening immer beliebter. Wer sich über Standorte informieren  oder seinen eigenen urbanen Garten eintragen möchte, kann dies auf urbaneoasen.de tun, einem Portal, das zum Netzwerk der Urbanisten gehört.

 

 

 

Urbane Landwirtschaft, Rooftopfarm

Fisch- und Pflanzenzucht als Komplettsystem

In Kooperation mit der hei-tro GmbH beschäftigen sich die Urbanisten zudem mit Aquaponik, einer Kombination aus Aqua- und Hydrokultur. Unten schwimmen Fische und oben wachsen Pflanzen. Das alles geschieht vornehmlich im Gewächshaus, das man sich auch in seinen heimischen Garten stellen kann. Die Urbanisten, so demonstriert Rolf Morgenstern in seinem Vortrag, erarbeiten derzeit ein eigenes Komplettsystem, das sich jeder Interessierte in seinen Garten stellen kann. 

“Über 400 Pflanzen sind dafür geeignet”, sagt Morgenstern. Was die Fischzucht angeht, sind die Urbanisten mit Karpfen gestartet, aber auch Forelle, Schleie und Zander eignen sich für diese Form der Zucht. Da der Pflanzenanbau ohne Kontakt zum Boden betrieben wird, ist diese Form der Landwirtschaft auch für Ruhrgebietsstädte interessant, meint Morgenstern, da hier keine Konkurrenz zur Nutzung von Agrarflächen besteht.

Fazit

Es gibt viele Möglichkeiten und viel Potenzial, so hat das Symposium gezeigt, die Landwirtschaft in die Städte zu bringen und zu einem lokalen Thema zu machen. Einige Formen haben bereits durch Eigeninitiative engagierter Communitys Einzug in die Ballungsräume gefunden. Um urbane Landwirtschaft in größerem Stil zu betreiben, ist nun auch die kommunale Politik gefragt, das Thema Ernährung wieder zu ihrem Thema zu machen.

 

Text und Fotos: Carmen Radeck; Titelfoto: TitelfotoFoto 2 und Foto 4: Flickr Creative Commons 

 

 

 

 

Eingang Projektfabrik

Sonntagsspaziergang durch Duisburg Ruhrort

Unseren Sonntagsspaziergang durch Ruhrort starten Stefan Schroer und ich erst einmal sitzend und auf Einlass wartend. Wir haben uns an der großen Treppe am Eisenbahnhafen verabredet, die vorübergehend als Zugangs-, vor allem aber als Wartebereich dient für die Besucher der Ruhrtriennale-Installation “Nomanslanding” - einer mit Gitterstäben einzäunten, begehbaren Kuppel mitten auf dem Wasser. Die knappe Stunde Wartezeit plaudern wir über die Anfänge Ruhrorts als Kreativquartier.

AKtive und Unterstützer Wiesenviertel

Viel Ruhe und noch mehr Vergangenheit

Ursprünglich um das soziale Leben des Hafenviertels zu untersuchen, kam Stefan Schroer 2008 als Mitglied des Forschungskollektivs Theorie und Praxis nach Ruhrort. “Wir dachten: Ruhrort als Insel mitten im größten Binnenhafen Europas - da muss es brummen”, erzählt Schroer, “war aber gar nicht so”. Stattdessen: “Viel Ruhe und noch mehr Vergangenheit.”

 

Als Basisstation ihres Forschungsprojekts mieteten sie das leerstehende Ladenlokal des ehemaligen Eisenwarenladens Hennes an der Harmoniestraße 41. Von dort aus entwickelte sich ein Netzwerk aus kreativen und engagierten Ruhrortern, die ihrem Quartier wieder mehr kulturelles Leben einhauchen wollten. Aus der Forschungsstation entwickelte sich schließlich das “Lokal Harmonie” als Ort für kulturelle Events, Diskussionen und Proberaum für Experimentelles und Improvisation.

 

Ruhr2010, Loveparade und Neuanfang

Dann im Kulturhauptstadtjahr 2010 bekam das Quartier vor allem mit der Gründung des Kreativkreises Ruhrort durch Olaf Reifegerste, damals städtischer Koordinator des Festivals Duisburger Akzente, einen echten Schub nach vorn. Mit der Local Heroes Woche veranstaltete und erlebte Ruhrort einen echten kulturellen Höhepunkt. “Das war wirklich bombastisch”, erinnert sich Stefan Schroer.

 

Für das Lokal Harmonie allerdings folgte nach diesem Höhepunkt fast postwendend das Aus. Wegen der neuen bauamtlichen Bestimmungen nach der Loveparade-Katastrophe musste das Lokal sogar komplett schließen.

Aufgeben war für die engagierten Akteure des Quartiers aber keine Option. Mit Gründung des Vereins Lokal Harmonie e. V. und den notwendigen Umbauten ging das Lokal 2012 wieder an den Start. “Jetzt haben wir vier Feuertüren als Fluchtweg für maximal 40 Besucher”, sagt Stefan Schroer schmunzelnd - so wie es die Verordnung will.

 

Nach der Ernennung Ruhrorts zum “Kreativ.Quartier” im Jahr 2010 kamen zwei Jahre später auch die Fördergelder vom Land NRW. Damit wurden Projekte finanziert, die Ruhrort Schritt für Schritt zum kreativen Szeneviertel entwickelten. Wurden die ersten Fördergelder für die Wiederbelebung des Lokals Harmonie als “kulturelle Kraftzentrale” zur Entwicklung des Quartiers genutzt, ging es im Folgeprojekt “Pipelines” darum, die verschiedenen kulturellen Spielstätten und kreativen Akteure Ruhrorts mit ins Boot zu holen und zu vernetzen. 

 

schauspieler witten

Gute Vernetzung dank Pipelines und Runden Tisch

Gerade diese Vernetzung funktioniert auf der Insel wunderbar. Ob ganz offiziell am “Runden Tisch Ruhrort”, wo regelmäßig Vertreter von Stadt, Vereinen, ansässigen Unternehmen und der Kreativwirtschaft zusammenkommen, um sich auszutauschen und gemeinsame Projekte auf die Beine zu stellen. Oder einfach beim Sonntagsspaziergang durch das Viertel.

 

Inzwischen sind wir um ein wirklich beeindruckendes Erlebnis unter der Kuppel von “Nomanslanding” reicher und treffen am schräg gegenüberliegenden Ufer Heiner Heseding. Er ist seit einem Jahr zusammen mit Dr. Bernhard Weber als Koordinator und Moderator im Kreativquartier unterwegs. Wer etwas plant und bewegen will im Quartier, wendet sich am besten an Heiner Heseding – wie zwei angehende Unternehmer, die Stefan Schroer beim Spaziergang im Schlepptau hat. Auf der Suche nach einem passenden Leerstand als Standort für ihr Unternehmen kann ihnen Heseding zwar nicht direkt helfen, “aber ich kenne jemanden, den ihr dazu anrufen könnt”, sagt er den beiden. So läuft das hier in Ruhrort.

 

Wahrzeichen und Kultkneipen

Über die Ruhrorter Brücke geht es hinüber zur Mühlenweide. Dort sind noch die letzten Spuren der Kirmes vom Hafenfest sichtbar und natürlich der riesige Fahnenmast als Wahrzeichen des Duisburger Hafens und seiner maritimen Geschichte. Eigentlich wollten wir Klaus Grospietsch in seiner ruhrArtGalerie einen Besuch abstatten. Die hat an Wochenenden normalerweise geöffnet. Doch nicht an diesem, wie Schroer und Heseding verwundert zur Kenntnis nehmen. Dann fällt’s ihnen wieder ein: “Der Klaus hat ja Urlaub.”

 

Auch die Hafenkneipe “Zum Hübi” sieht geschlossen aus, ist sie aber nicht - auch wenn Hübi selbst gerade nicht da ist. Die Kneipe mit Kultstatus in Ruhrort kommt innen ohne jeglichen Schnickschnack aus - den braucht sie auch gar nicht: Durch die Fensterfront hat man einen einmaligen Blick auf den Sonnenuntergang über dem Hafen.

 

Ums Eck geht es schließlich in die Harmoniestraße. Hier prallen gleich mehrere Welten aufeinander: Hochmoderne Gebäudeästhetik des Haniel-Konzerns trifft hier auf Leerstand in heruntergekommenen Gebäuden neben schön renovierten Häuserfronten und von Kreativen als Atelier genutzte Ladenlokale.

 

Projektfabrik Stuhlkreis

Wal-Heimat und Ruhrorter Nachrichtendienst

Bevor es zum Jazzkonzert hinein ins Lokal Harmonie geht, treffen wir den Duisburger Künstler Jörg Mazur, der gerade auf dem Weg zu seinem Atelier schräg gegenüber ist. Er gibt mir noch schnell ein paar Flyer zur Unterstützung seines Kunst- und Herzensprojekts “Rhineheart” mit. So hat Mazur den Weißwal getauft, der 1966 im Rhein vor Duisburg auftauchte, von dort nach Bonn schwamm und von Hautekzemen gezeichnet, eine Debatte über die Wasserqualität unserer Flüsse in Gang setzte.

 

Im Inneren des Lokals Harmonie haben sich die ersten Gäste eingefunden. Auch Fritz Hemberger ist schon da, ein echtes Ruhrorter Urgestein. Nach 50 Jahren als Monteur auf den Schiffen am Duisburger Hafen lässt er heute als Hobbyfotograf so gut wie kein kulturelles Event in Ruhrort aus - vom Wohnzimmerkonzert im “ruhrKUNSTort” bis zur MAXI-Musik in der St. Maximilian-Kirche. “Ich weiß immer, was in Ruhrort passiert”, sagt Fritz Hemberger mit verschmitztem Grinsen. Er gehört schließlich zum “RND” - dem Ruhrorter Nachrichtendienst.

 

Nach einer intensiven und experimentellen Jazz-Improvisation mit dem Bandprojekt “TAU” sitzen vom Lokal Harmonie-Team noch Stefan Schroer, Rüdiger Eichholtz, Wolfgang van Ackeren und Sarah Berndt zum abschließenden Bierchen am Tresen und sprechen über die kommenden Events im Lokal: zum Beispiel die nächste Ausgabe des feministischen Katzentischs am 23. September oder das musikalische Highlight mit Jazz-Drummerin Eva Klesse am 4. Oktober.

 

Gar nicht mehr so ruhig in Ruhrort. Im Gegenteil - richtig viel los!

 

Text und Fotos: Carmen Radeck

 

 

 

Eingang Projektfabrik

Wiesenviertel in Witten: "Seitdem der Knut da ist, ist alles besser!"

Die Augustsonne scheint warm im Wittener Wiesenviertel. Deshalb hat Philip Asshauer, Mitgründer und Geschäftsführer der Kulturinitiative Stellwerk, das Pressegespräch kurzerhand aus dem Coworkingspace [....] raum nach draußen in den benachbarten Biergarten des Knut’s verlegt. Beide Locations sind gewissermaßen das Hauptquartier des Vereins Stellwerk e.V., der sich dem Wittener Wiesenviertel angenommen hat. 

Es geht um die Zukunft des Wiesenviertels, aber auch darum, was seit 2012, seit Eröffnung der Kunst- und Kultur-Kneipe Knut’s, schon erreicht wurde in Sachen Quartiersentwicklung. 

AKtive und Unterstützer Wiesenviertel

Die bisherigen Schwachstellen wollen die Stellwerker nun gezielt angehen und dazu die frischen Fördergelder der Kreativ.Quartiere Ruhr einsetzen.

Wiesenviertel in seiner Gesamtheit wahrnehmen
"Seitdem der Knut da ist, ist alles besser" - dieser Spruch ist öfter zu hören im Wiesenviertel, erzählt Philip Asshauer schmunzelnd. Dass sich etwas tut im Viertel rund um die Wiesenstraße wird nicht nur von den Immobilienbesitzern wohlwollend zur Kenntnis genommen. "Allerdings wird das Wiesenviertel von den Menschen oft nicht in der Gesamtheit wahrgenommen, sondern als Aneinanderreihung einzelner Veranstaltungen", erklärt Asshauer und stellt fest: "Quartiersentwicklung ist schwer zu kommunizieren". Deswegen ist es immer wieder eine Herausforderung, vor allem die Anwohner für Projekte und zu mehr Eigeninitiative zu mobilisieren. "Was ich nicht verstehe, kann ich nicht fördern", bringt es Asshauer auf den Punkt.

Film-Doku über das Wiesenviertel
Beim Verständnis wollen die Stellwerker mit den kommenden Projekten ansetzen, zum Beispiel mit einem Filmprojekt, das den Menschen im Wiesenviertel die Akteure und Initiativen hinter der Quartiersentwicklung näherbringen und vorstellen soll. Dazu haben sie den Dokumentarfilmer Benjamin Greulich ins Boot geholt, der mit kurzen Filmen wie aus einzelnen Mosaiksteinchen die Gesamtheit des Wiesenviertels einfangen soll.

Ein weiteres Projekt hat den nahegelegenen Humboldtplatz im Visier, der von den Anwohnern und Besuchern gern und intensiv als Parkplatz genutzt wird. Aus diesem Platz wollen die Quartiersentwickler des Stellwerks gern mehr herausholen - einen Ort, wo sich die Menschen des Viertels treffen, und nicht nur ihre Autos.

schauspieler witten

Ein Parkplatz wird zum Tummelmarkt
Ob das wirklich funktioniert und von der Nachbarschaft angenommen wird, haben sich auch Lisa Marie Wagner und ihre drei Mitstreiter Marie Sammet, Benedikt Reitz und Lea Meyer gefragt und sind zwar durchaus skeptisch, aber mit viel Enthusiasmus an das Projekt "Humboldtplatz" herangegangen. Einen Nachmittag pro Vierteljahr will das Team aus dem Parkplatz einen "Tummelmarkt" machen - einen Markt zum Bummeln, Nachbarn, Familie und Freunde treffen, zum Entdecken und Genießen.

Und wie es funktioniert! Schon in der ersten Stunde, die der Tummelmarkt an einem Samstag im August zum ersten Mal seine Pforten öffnete, sind alle Zweifel verflogen. "Unglaublich, dass es schon so voll ist", sagt Lisa Marie Wagner mit einer Mischung aus Begeisterung und Erleichterung bei einer Runde über den Markt. Nicht nur das Wetter spielt an diesem Tag mit, auch die Anwohner. Statt ihrer Autos, tummeln sie sich selbst auf dem Humboldtplatz und genießen die entspannte Atmosphäre.

Markt mit hoher Aufenthaltsqualität
Genauso hat sich Lisa Marie Wagner das vorgestellt. Besonders nach ihrem Aufenthalt ein halbes Jahr in Südafrika ist sie von Märkten fasziniert. "Die Märkte dort sind so etwas wie ein Ritual. Alle treffen sich dort. Es ist ein Ereignis, das immer wiederkehrt und das eine hohe Aufenthaltsqualität hat", sagt die 25-jährige Studentin. Genau das wollte das Tummelmarkt-Team auch im Wiesenviertel schaffen - mit Ständen, die sich von den üblichen Wochenmarktständen abheben, abwechslungsreicher Gastronomie, Anbietern von Kunsthandwerk und regionalen Lebensmitteln sowie Händlern aus dem Wiesenviertel. Das Feedback der Besucher sei durchweg positiv ausgefallen, sagt Lisa Marie. Eine Neuauflage des Tummelmarkts ist für den 17. Oktober geplant.

Projektfabrik Stuhlkreis

Nachtasyl,- fünfter Akt
Ebenfalls eine Neuauflage erfährt das Theaterprojekt "Nachtasyl". Es ist eins der ersten Projekte der Kulturinitiative Stellwerk überhaupt und mittlerweile schon so etwas wie eine Institution im Wiesenviertel. Zum fünften Mal geht in diesem November das Nachtasyl an den Start und bespielt nicht nur den Leerstand im Wiesenviertel, sondern auch besondere Orte mit Off-Theater-Produktionen. 

Kopf hinter dem Projekt ist Gabriel Schunck, der sich diesmal besonders auf das Event freut - aus verschiedenen Gründen. "Zum einen freue ich mich, dass das Nachtasyl in diesem Jahr überhaupt wieder stattfindet", sagt er. Im vergangenen Jahr musste das Event wegen fehlender Fördermittel ausfallen. 

Kooperation mit italienischen Theatergruppen
Zum anderen gibt es in diesem Jahr eine Premiere: Zum ersten Mal startet das Nachtasyl als Kooperation mit Theatergruppen aus Neapel. Der Kontakt kam zustande durch den holländischen Theaterregisseur David Jentgens, der eine Weile für Theaterprojekte in Neapel arbeitete. Zu Gast im Knut's im März 2014 zeigte er sich restlos begeistert über die dort angeschlossene Studiobühne und die Möglichkeiten für kleine Theaterproduktionen.

"Auf die Kooperation bin ich sehr gespannt", sagt Gabriel Schunck. "Das hat schon andere Dimensionen.” Eine besondere Herausforderung wird sein, die italienischen Stücke mit Untertiteln zu versehen. Aber auch dazu, ist Schunck überzeugt, wird es eine Lösung geben.

Es gibt aber noch einen Grund, warum sich der künstlerische Leiter der Studio Bühne im Wiesenviertel besonders auf die diesjährige Ausgabe des Nachtasyls freut. "Ich werde an diesem Abend nicht selbst arbeiten, sondern mir die Stücke zum ersten Mal selbst ansehen", sagt er. Bisher ist er vor lauter Organisieren hinter den Kulissen nämlich nie dazu gekommen. Das Spektakel am 14. November will sich der 32-Jährige definitiv nicht entgehen lassen.

Text und Textfotos 2 und 3: Carmen Radeck, Titel & Foto 1: Caravante

 

Eingang Projektfabrik

Mit Shakespeare in Witten zur vollen Persönlichkeit

Die Projektfabrik in Witten unterstützt Menschen ohne Arbeit durch Theaterspiel.Die Idee für die Projektfabrik mitten im Kreativquartier.Wiesenviertel in Witten hatte Geschäftsführerin und Unternehmensgründerin Sanda Schürmann 2005. Viele Jahre im sozialen Bereich und vorwiegend mit Erwerbslosen tätig, reichten ihr die Angebote in diesem Sektor nicht aus, um Arbeitslose sinnvoll zu unterstützen und erfolgreich in Arbeit zu bringen. Ihre Lösung: Erwerbslosigkeit mit Persönlichkeitsentwicklung begegnen. Der Weg: Das Theater. 

Projektleiterin Sandra Schürmann

Sandra Schürmann ist eine Geschäftsfrau, Querdenkerin und Visionärin. Mit der von ihr geführten Projektfabrik in Witten und inzwischen ganz Deutschland, sowie innerhalb eines heranreifenden europäischen Netzwerkes, hat sie viel erreicht. 120 Mitarbeiter zählt der mittelständische Bildungsbetrieb heute. Der hat für ihr Bildungskonzept so ziemlich jede Auszeichnung erhalten, die der Sektor bereithält. Sie wollte Erwerbslose nicht nur auf der Ebene der Qualifizierungen und Ausbildungen ansprechen, sondern sozusagen an des Pudels Kern heran: An die Persönlichkeit. 

Mit Schauspiel zur Reise ins Ich
„Wenn ich nicht frei wählen kann, weil meine Persönlichkeit dazu nicht in der Lage ist, dann stagniere ich und habe auch keinen Nutzen von aufgestülpten Maßnahmen“. Das Ziel ist also ein Bekanntes, der Weg dorthin war in 2005 revolutionär. Laut Schürmann entwickelt sich eine reife und eigenverantwortliche Persönlichkeit nur dann, wenn Körper, Seele und Geist miteinander im Einklang sind. Für sie kommen diese drei Dinge nur in der Kunst zusammen. Hier kann die Persönlichkeit schwingen, baumeln gar und letztlich in der tiefen Auseinandersetzung mit sich selber erblühen. Die Erfolgsstories und Vermittlungszahlen sind der Beweis, dass es klappt: Mehr als die Hälfte aller Projektteilnehmer begeben sich nach ihrem mehrwöchigen Intensivausflug in die Schauspielerei wieder in Lohn und Brot. Zu Anfangs reiste das Projektfabrik-Team noch zu den Bildungs-, und Theatercoachings für Mitarbeiter an, doch 2012 gab es in einem leerstehenden ehemaligen Traditions-Café die Möglichkeit, zentral in Schürmanns Heimatort Witten Büroräume zu beziehen.

schauspieler witten

Die Treue zum Standort Witten: Im Alten das Neue suchen
Schürmann kommt aus Witten. Hier will sie auch bleiben und findet ihren eigenen Worten nach in der Vertrautheit der Heimat die Freiheit, sich innerlich heraus zu bewegen und das Neue aus eben dieser Beziehung heraus zu gestalten. Dass die Macherin keinen urbanen Reibungspunkt  benötigt, um sich an den für sie brennenden gesellschaftlichen Fragestellungen zu reiben, beweist sie mit dem komplexen Konzept der Projektfabrik. Dort strickt sie mit ihrem Team für die verschiedensten von Erwerbslosigkeit betroffenen Gesellschaftsgruppen an immer neuen Ideen.

Auch die Projektfabrik ist fast so etwas wie eine organische Persönlichkeit, die sich stets weiter entwickelt. Die zentrale Frage, die sich als roter Faden durch das Angebots-, und Partnernetz zieht, ist letztendlich, was der Mensch braucht, um in und mit der heutigen Gesellschaft zurecht zu kommen und erfolgreich zu sein. Arbeitslosigkeit hat mit der individuellen Lebensgestaltung zu tun: „Die Gesellschaft kann es sich meiner Meinung nach gar nicht leisten, Menschen einfach herausfallen zu lassen. Genauso wenig geht es aber darum, jemand mit Zwang wieder einzugliedern. Menschen müssen stattdessen zu Gestaltern ihres eigenen Lebens gemacht werden.“  Im Endeffekt berührt dieser Ansatz auch das Thema Kreativquartiere: Was biete ich den einzelnen Menschen vor Ort und wie weit lässt sich dieser Gestaltungsrahmen spinnen?

Projektfabrik Stuhlkreis

Es geht um die Qualität des Wandels, nicht um die der Bühnenkunst
Finanziert werden die Projekte der Projektfabrik durch die Job Center vor Ort. Bislang ohne Kulturförderung. Die soll noch mit ins Boot: „Ich finde, es ist eine Sauerei, dass immer nur Hochkultur gefördert wird“, so die Geschäftsführerin. Gespielt werden von den Arbeitslosen Klassiker, aktuell drei Stücke aus der Sturm und Drang Zeit. Davor gab man auch schon Goethe, Shakespeare und griechische Tragödien. Die Reibung mit den dort angesprochenen und oft menschlich-existentialistischen Themen bringt die Darsteller näher zu sich selbst.  Sie erleben die Freiheit, sich in einem konstruktiven Rahmen zu bewegen. Schürmann entschied in den Arbeitsgruppen keine eigenen Stücke zu entwickeln: „Eigene Stücke haben im Gegensatz zu Shakespeare und Co. nicht aus den eigenen  Problemwelten hinausgeführt, sondern diese in der Inszenierung gefestigt. Wenn ich abermals postuliere, dass in meinem Leben nichts glatt läuft und das Jobcenter der erklärte Feind ist, dann komme ich in keine Beziehungen. Nicht mit mir selber und erst recht nicht mit dem Jobcenter“, erklärt Schürmann. 

Natürlich entsteht bei den Produktionen am Ende keine so genannte Hochkultur. Ein Grund, warum der Versuch einer Zusammenarbeit mit professionellen Schauspielhäusern, wie etwa in Bochum, laut Schürmann auch nicht wirklich gefruchtet hat: „Die schauspielerische Qualität war denen nicht hoch genug, also hat man die komplette Kunstmaschinerie über unsere Laienstücke gestülpt und unsere Darsteller sind fast darin verschwunden. Nicht der erwünschte Effekt, wenn man da steht und sich schon wieder als Looser fühlt“. 

Die Projektfabrik will keine Nachwuchsschauspieler heranziehen, sondern Menschen mit dem Erlebten verwandeln. „Wenn ich weiß, um welche persönlichen oder existentialistischen Themen es bei den Akteuren geht, dann schaue ich mir ein Stück an und bin gebannt, verzaubert und fassungslos, was aus den Menschen geworden ist“. 

Text: Jennifer Eletr

 

khaus innen

Das khaus in Herne: Eine Oase der Kreativität

Wanne-Eickel. Schon alleine der Name der Stadt trieft vor typisch belastenden Pott-Vorurteilen. Der Weg in das direkt angrenzende Herne mit der kleinstädtischen Haupteinkaufsstraße, der „Hauptstraße“, ist gespickt mit den üblichen Stätten der urbanen Verwahrlosung: Wettbuden, Ein-Euro-Läden, Billig-Boutiquen, Kneipen, Pfandbüros. Ein bisschen piefig, ein bisschen miefig. Wie erwartet halt. Oder? Im ehemaligen Gebäude von Karstadt setzt sich ein visionäres und integratives Kreativprojekt, das khaus, diesem Eindruck entgegen. 

Es bietet Raum: Freiraum, Tanzraum, Kreativraum, Chaosraum, Schaffensraum, Begegnungsraum. In 2013 als Projektarbeit gestartet und in 2014 leider durch mangelnde Fördergelder ausgebremst, geht dieser öffentliche Raum für kreative Möglichkeiten nun wieder mit der Förderzusage für „Kultur trifft Quartier 2015“ durch das NRW- Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in Zusammenarbeit mit ecce und Kreativ.Quartiere.Ruhr an den Start.

Khaus: „K“ für Karstadt, Kreativität, Kunst und Khaos
Zugegeben, das Entrée ins khaus unterscheidet sich zunächst nicht großartig von der direkten Umgebung. In den unteren Schaufenstern und im Eingangsbereich: Ein wenig „hipper“ Schuhladen, eine shabby aber wenig chique Boutique und ein etwas gruselig neon-ausgeleuchtetes Tattoo-Studio. Doch die Fahrt in dem alten Karstadt-Lastenaufzug macht, sozusagen als Reise in die andere Welt, unheimlich gespannt auf das, was einen auf der zweiten und dritten Etage erwartet. Denn dort sind sie, die Räume, die in 2013 durch Zekai Fenerci, den künstlerischen Leiter und Geschäftsführer von Pottporus für ihren neuen Zweck als Kunst-, und Kreativzentrum, entdeckt wurden. Auf Etage Eins befindet sich ein Coaching-Unternehmen. Etage und Zwei und Drei sind aktuell noch leer, bis auf ein Atelier und ein Tonstudio. Die soll sich allerdings ziemlich bald ändern und das Kreativ.Quartier Wanne ist somit um ein echtes Highlight reicher.

khaus aussen

Was 2013 mit Kunst trifft Quartier als Projektwoche begann, startet jetzt durch
Eine Woche im Dezember 2013 gab einen furiosen Auftakt in die Möglichkeiten des khaus. Unter der Leitung von Fenerci taten sich Künstler aus den verschiedensten Bereichen zusammen und stellten die alten Karstadt-Räume komplett auf den Kopf. Die Geister von fünf Jahre Leerstand nach Schließung, gefolgt durch eine Zwischennutzung durch die Ausländerbehörde Herten, wurden von diversen Künstlern aus dem Pottporus Netzwerk, u.a. in Zusammenarbeit mit dem Tanzkollektiv Renegade ausgetrieben und ein kreativer Brückenschlag zur Umgebung geschaffen. Mit Performances und einer aufwändigen Lichtprojektion auf der Außenfläche des Gebäudes wurde mit großem Wirbel und viel positiver Resonanz die Möglichkeiten des neuen Kunstraumes ins Licht gesetzt. 

Schauspieler Charly Hübner, u.a. bekannt aus Polizeiruf 110, der mit den Spielkindern auftrat, kommentierte den Abend ganz richtig mit: „Das khaus tut Wanne gut“. Genauso ist es. Umso enttäuschender war es für alle Beteiligten, dass die gute Vorbereitung eines vielversprechenden Langzeitprojektes wegen leeren Kulturkassen in 2014 erst einmal ausgebremst wurde. 

Khaus Wand

Nächste Phase
Mit „Raum – Ort – Mensch“ geht das khaus diesen Sommer in die Phase Zwei. Künstlern und Quartiersbewohnern wird Raum zur Verfügung gestellt, in dem Künstler und Kreative zu äußerst günstigen Konditionen Arbeitsraum anmieten können. Es sollen auch Kunstaktionen, Performances, Konzerte und Ausstellungen stattfinden. Geplant sind kostenlose Workshops und Gesprächsrunden in den verschiedenen Bereichen der Street Art Wort, Tanz, Bild und Klang. Ute Graßhoff, Presseverantwortliche bei Pottporus, erklärt das Konzept: „Im Endeffekt ist alles möglich. Wir wollen diesen Raum öffnen und ihn nutzbar machen für Alle, die künstlerisch oder kreativ sein möchten. Dabei sind die verschiedensten Formen der Zusammenarbeit möglich, auch im sozialen und interkulturellen Bereich, da grade solche Fragestellungen dem Viertel gut tun“.                   

Erwartungen und Interesse sind hoch
Der 19-jährige Tim Thomczyk, Schüler und zugleich Maler und Musiker, mietet aktuell zum unschlagbaren Quadratmeterpreis von 1,50 Euro kalt als erster Mieter einen Raum auf der zweiten Etage und ist bereits gespannt, wer nach ihm einziehen wird. „In Wanne stirbt Kultur immer mehr aus. Ich glaube, dass wir da mit dem khaus einiges entgegen setzen können, wenn das hier erst richtig abgeht. Junge Leute, die Lust haben, was Künstlerisches zu machen – das fehlt hier. Ich hoffe vor allem auf Zusammenarbeit“. Genau diese Möglichkeiten sind durch Pottporus geplant: „Junge Künstler, die sich sonst solche Räumlichkeiten nicht leisten können, sollen hier die für sie bezahlbare Möglichkeit haben, sich zu entfalten und miteinander zu vernetzen“, betont Graßhoff.

Dass so ein Konzept aufgeht, zeigt sich beispielsweise im Atelierhaus auf der Schützenbahn im Kreativ.Quartier City Nord. Nun müssen wieder die Stränge aufgegriffen werden, die durch den Projektstopp im Vorjahr nicht weiterverfolgt werden konnten. Momentan werden potentielle Mieter gesucht und der Kontakt zur Nachbarschaft weiter reaktiviert: „Die Projektwoche in 2013 ist ja bereits auf reges Interesse gestoßen. Der Spruch, der mir aus der Zeit am Besten in Erinnerung geblieben ist, war der begeisterte Ruf einer alten Dame bei der Betrachtung der Lichtinstallation: `Wie seit ihr dat denn am Machen?´ Das Interesse vor Ort ist also definitiv vorhanden. Im nächsten Schritt müssen wir schauen, wie wir die Leute regelmäßig in die Räumlichkeiten hineinbekommen. Wir wollen hier schließlich keine Inselfunktion, sondern einen regen Austausch mit dem Viertel“, so die Pressesprecherin. An Ideen im Netzwerk mangelt es dafür jedenfalls nicht.

Text: Jennifer Eletr

 

halfmannshof

Erasmus for Young Entrepreneurs in Gelsenkirchen - Fokus auf Kreativwirtschaft

Das ERASMUS Young Entrepreneurs-Programm der EU gibt es bereits seit fünf Jahren. Es wird jedes Jahr auf der Suche nach neuen Kontaktstellen erneut ausgeschrieben. Ziel ist, junge Selbstständige innerhalb der EU mit so genannten Host Entrepreneurs zu vernetzen und  sie in einem ein-, bis sechs-monatigen, bezuschussten Aufenthalt mit einem Gast-Unternehmen zusammenzubringen. Diese internationale Zusammenarbeit, die deutlich mehr umfasst als ein Praktikum, kann für die Teilnehmer neue Geschäftsideen und Kontakte sowie innovative Prozesse in Gang bringen. 

Mit dem EXCITE (Entrepreneuers eXchange for Innovations in Europe) Projektkonsortium, welches unter der Leitung der ehemaligen Kulturhauptstadt 2013, Košice, gemeinsam mit dem European Creative Business Network (ECBN) acht Städte oder Regionen umfasst, hat sich erstmalig eine Gruppe an Kontaktstellen gebildet mit einem inhaltlichen Schwerpunkt auf der Kreativwirtschaft. Dabei fungiert Gelsenkirchen als einzige Kontaktstelle in NRW und ist zurecht stolz darauf.

Gelsenkirchen mit neuem Selbstbewusstsein
Der Anstoß, sich mit EXCITE als lokale Kontaktstelle zu bewerben, kam von ecce, die mit NICE bereits ein relevantes europäisches Kreativen-Netzwerk etabliert haben. Das Referat Kultur der Stadt Gelsenkirchen ist hierbei Vertragsführer, wohlgemerkt nicht die Wirtschaftsförderung. Ein gänzlich neuer Ansatz bei den ERASMUS Young Entrepreneurs.

Projektleiterin für den Standort Gelsenkirchen ist die überaus sympathische und versierte Kulturmanagerin Christiana Henke, die unter anderem aktuell die Wiederaufwertung der geschichtsträchtigen Künstlersiedlung Halfmannshof verantwortet. Angedacht ist in diesem Zusammenhang, die kreativen Gäste in einer großen WG zusammenzubringen und so neben der Möglichkeit, junge und internationale Kreative zu vernetzen, auch dem Halfmannshof wieder zur alten Größe zu verhelfen.

„Durch das von uns geschaffene Raumangebot mit Möglichkeit zum Co-Working bieten wir gegenüber den anderen EXCITE-Mitgliedern tatsächlich einen erheblichen Benefit. Normalerweise suchen sich die Projektteilnehmer vor Ort selber eine Bleibe“, kommentiert Henke den Standortvorteil gegenüber anderen EXCITE-Städten wie Linz und Rotterdam. Für Henke bietet das Projekt einen besonderen Reiz, da „ausgerechnet Gelsenkirchen hier eine Vorreiterfunktion für ganz Deutschland hat und nicht Hamburg oder Berlin.“

Absichtserklärung und Praxis
Wie genau sieht er nun aus, dieser „Matchingprozess“ zwischen den Young Entrepreneurs und den Entrepreneur Hosts/Gastgebern? Wo liegt für beide Seiten der Anreiz für dieses Projekt? Ausgelegt ist das Programm für junge Unternehmer, die bereits ein eigenes Unternehmen auf die Beine gestellt oder einen soliden Business Plan aufweisen können. Die Kontaktstelle prüft dann die Idee, das Marketingkonzept sowie die Budgetierung. Ob die Geschäftsidee langfristig Wurzeln schlagen kann, wird nicht bewertet. Gast und Gastgeber in diesem Verfahren werden einander vorgeschlagen. Sich füreinander entscheiden und einen Vertrag mit Zielformulieren aufstellen machen beide Parteien (mit Unterstützung) allein.

Die Kontaktstellen vor Ort begleiten die internationalen Gäste, u.a. mit einem kleinen monatlichen Obolus. (In Schweden, dem teuersten Gastland, liegt dieser z.B. bei 1200 Euro monatlich.) Vom Host-Unternehmen hingegen gibt es bewusst keine finanzielle Unterstützung. Es handelt sich schließlich nicht um eine Geschäftsbeziehung im klassischen Sinne, sondern um einen Erfahrungs-, und Wissensaustausch auf hohem Niveau: „Der Host bietet dem Gast seine landes-, und branchenübliche Sicht, beispielsweise auf Konzepte und Arbeitsweisen. Im Prinzip ist hierbei alles möglich“, beschreibt die Kulturmanagerin das Vorhaben. Zugegebenermaßen klingt das noch abstrakt und schwer zu greifen. „Es ist ein Test. Wir glauben an das Projekt. Beweise, wie gut es sich in der Realität durchsetzen wird, haben wir noch nicht. Aber das macht es ja auch so spannend“, so Henke.

Die Abgrenzung gegenüber einem Praktikum liegt in der konkreten inhaltlichen Zusammenarbeit vor Ort mit der Erfahrung eines bereits etablierten Hosts, der/die als Mentor fungiert, die eigenen Arbeitsweisen sichtbar macht und gemeinsam mit dem Young Entrepreneur auch an mitgebrachten Ideen weiterarbeitet.

Hohe Internationalität innerhalb der Kreativwirtschaft
Insgesamt jeweils 59 Hosts und Jungunternehmer will das Projektkonsortium bis Anfang 2017 matchen. „Das klingt zunächst vielleicht nicht viel, aber der Matchingprozess ist eine Aufgabe, in der viel Energie und auch Intelligenz stecken. Schließlich sollen die Parteien passen und von dem gemeinsamen Vorhaben profitieren“, so Henke. Die Wunschvorstellung von Branche und Raum im Sinne der EXCITE-Partnerstädte und dem Fokus auf Kreativwirtschaft lässt sich natürlich nicht in jedem Fall so realisieren. 

Da Gelsenkirchen die einzige Kontaktstelle (unter aktuell europaweit 200) in NRW ist, werden auch Projekte aus kulturfernen Bereichen realisiert. Aktuell laufen die ersten Matchingprozesse, die Suche nach weiteren Host-Unternehmen ist im vollen Gange. „Es könnten ein paar mehr Bewerber aus dem Ruhrgebiet dabei sein. Köln ist da grade ein bisschen schneller“, kommentiert Henke den Bewerberfluss. 

Gelsenkirchen ist eben doch sexy
Auf die Frage, wieso im europäischen Wettbewerb der Kontaktstellen Gelsenkirchen ganz vorne mit dabei ist, antwortet die Kulturmanagerin: „Man denkt immer, Gelsenkirchen sei nicht so sexy, aber das stimmt gar nicht, das habe ich dann in Brüssel bei der EU selbst erfahren. Wir haben hier oft ein viel zu schlechtes Selbstbewusstsein, die Außenwahrnehmung ist da ganz anders. Hier hat man nicht nur Gelsenkirchen im Rücken, sondern die kompletten 5,3 Millionen des gesamten Ruhrgebiets. Das ist eine Wucht mit lauter versteckten und potentiellen Räumen, die leicht zu erreichen sind. Gelsenkirchen-Ückendorf selber bietet unheimlich viele Möglichkeiten, weil man hier von allen Seiten unterstützt und an die Hand genommen wird. Man darf sich hier ausprobieren und es sind an den richtigen Schaltstellen die richtigen Menschen“.  

Auf die Frage nach ihrer Einschätzung über den Erfolg, mit EXCITE im Rahmen des ERASMUS Young Entrepreneur-Programms einen deutlichen Fokus auf die Kreativwirtschaft zu setzen, antwortet Henke zuversichtlich: „Ich würde mich total freuen, wenn das Konzept des Austausches tatsächlich etwas bewegt, wenn zwei oder drei Kreative hier im Halfmannshof arbeiten und die Idee mit Leben gefüllt wird. Ich habe beruflich bereits diverse Studien aus dem Bereich der Kulturpolitik über die Lebenslagen von Künstlern begleitet und dabei immer postuliert, dass ein Stipendium mehr bieten muss als nur Ort und Geld, sondern auch anders befähigen soll, Künstler ins Leben bringen“. 

Interessierte Uungunternehmer und Host-Unternehmen können sich per mail an die die Kontaktstelle Gelsenkirchen, an Christiana Henke, wenden: christiana.henke@remove-this.gelsenkirchen.de

Text: Jennifer Eletr

 

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Zeche (er)findet sich - Bergpark Lohberg Dinslaken

Seit 2005 fördert die RAG Montan AG in Dinslaken-Lohberg nicht mehr. Der regionale Identitätsstifter des anliegenden Bergbauviertels, der so genannten Gartenstadt, entwickelte ein Konzept, die verlassene Zeche zu einem vitalen und kreativen Treff-, und Integrationspunkt zu machen. 

Andreas Kellner Portrait

Lohberg: Vom Ghetto zum stadtplanerischen Leuchtturm

Stadtplaner Alexander Selbach holt mich auf Diensträdern vom Bahnhof ab. Der Lohberg Corso ist ein Rad-, und Fußweg in Entstehung, der über die alte Trasse der Zechenbahn die Stadt verbindet und ein schönes Entrée in das Kreativquartier bildet. Die Fahrt führt über Baumalleen und einen Grüngürtel nach Lohberg, wo sich bereits von Weiten das Zechengelände in der Landschaft auftürmt. Daneben: Die Gartenstadtsiedlung. Dieser bauplanerische Begriff beschreibt ein englisches Bauprinzip aus den 1920ern: Bergbausiedlungen mit Innenhöfen und eigenen Gärten sollten den Bergleuten einen gesunden Ausgleich schaffen.

„Die Gegend rund um die Zeche bietet unserer Ansicht viel Potential, vor allem was das Wechselspiel mit dem Bergpark angeht. Allerdings ist vor allem die jugendliche Chancenlosigkeit hier überall spürbar. Wir hoffen, dass die Reaktivierung des Standorts auch positive Effekte für die Einwohner bringen kann“, kommentiert Selbach die Herausforderung, die direkte Umgebung des aktuellen Kulturprojektes sinnvoll mit an Bord zu holen.

Lohberg ist  geprägt durch seine Bergbauhistorie: „Der Stadtteil ist sehr international, weil für den Bergbau viele Arbeiter aus der Türkei nach Dinslaken kamen und  inzwischen mehrere Generationen in der ehemaligen Zechenstadt leben. Aufgrund des Strukturwandels sind die wirtschaftlichen Perspektiven in diesem Stadtteil aber gering“, sagt Selbach. Der Wegzug vieler Einwohner nach Schließung der Zeche in 2005 und eine hohe Arbeitslosigkeit prägen den Bezirk. Eine gewisse Abgrenzung wird auch dadurch verstärkt, dass Lohberg räumlich durch einen Grünzug  vom Rest der Stadt Dinslaken getrennt ist. Mit der planerischen Erschließung des Zechengeländes knüpft man an dieser Problemstellung an und versucht durch die ökologische und kulturelle Aufwertung, neue Möglichkeiten und Identifikationswerte zu etablieren. Gartenstadt Next Level sozusagen.

Der Bergpark: Choreographie einer Landschaft
Die Arbeiten am Bergpark begannen im Sommer 2013. Der Park gehört inzwischen der Stadt Dinslaken (das weitere Gelände und die Immobilien darauf sind nach wie vor im Besitz des alten Bergbaubetreibers) und bildet die Brücke zur Halde. Jahrelang unzugänglich, wird sie wanderlustigen Besuchern einzigartige Ausblicke auf die Niederrhein-Region und auf Teile des Ruhrgebiets bieten. Entsprechend auch das planerische Credo: Lohberg und die Halde werden eins. 

Für den künstlerischen Aspekt im Kreativquartier Lohberg sorgt das eigens für den Bergpark durch Markus Ambach kuratierte Projekt „Choreografie einer Landschaft“, das im Rahmen eines Wettbewerbs vier Projekte zur Realisierung auswählte. Diese wurden am 06. Juni 2015 das erste Mal öffentlich vorgestellt. Die zweite künstlerische Säule des Kreativquartiers bildet das Atelierhaus, wo ein Zusammenschluss selbstständiger Künstler in Räumen der RAG tätig ist - durch  günstige Mieten unterstützt. An der Gestaltung des Bergparks wurde die Künstlergemeinschaft allerdings nicht beteiligt.

„Kunst im Bergpark“ konnte renommierte internationale Künstler gewinnen
'Ziel von Ambachs Choreografie ist es laut Selbach „die Vielfalt der Umgebung im Park zu spiegeln, Identifikation zu stiften und Teilhabe zu ermöglichen.“ Das geschieht durch skulpturale Arbeiten international anerkannter Künstler und durch Prozesse, in die Künstler, Anwohner, Freiraumplaner und Nutzer gleichermaßen eingebunden sind. PARKWERK von dem niederländischen Künstlertrio Heeswijk, Jürgensen und Van Der Meijs ist ein partizipatives Kunstwerk, bei dem Anwohner und Besucher zu Koproduzenten des Raums werden. Vor allem junge Erwachsene, also die vermeintlich Perspektivlosen der Gartensiedlung, wurden in über einjähriger Arbeit und mehreren Workshops befragt, wie man den umgebenen Zechenraum für sie nutzbar machen könnte. Diese Bedarfsanalyse zeigte unter anderem den Wunsch nach einer eigenen Gastronomie für den Bergpark. Diese wird es nun im Wasserturm geben.

Anknüpfungspunkte schaffen zwischen Künstlern und Anwohnern
Einen ähnlichen integrativen Ansatzpunkt verfolgt auch das in Antragstellung (Förderprogramm Kreativ.Quartiere Ruhr) befindliche Projekt „Transformationen 2015“ der Künstlergruppe aus dem Atelierhaus. Es geht um Anknüpfungspunkte zwischen Kunstschaffenden und  Anwohnern, die es leider noch kaum gibt. Dazu Malerin Ulrike Int-Veen: „Momentan ist es noch schwer, Kontakte zu knüpfen. Es bestehen die Hoffnung und der Wunsch nach einem gelebten Kreativquartier. Wir wollen weg von den Worthülsen zum Thema und von der Theorie zur Praxis.“

Wenngleich der Bergpark mit dem vorwiegenden Thema Energieeffizienz für Int-Veen inhaltlich kein künstlerischer Anknüpfungspunkte ist, herrscht dennoch eine große Identifikation mit dem Standort. „Ich komme aus einer Bergarbeiterfamilie, die Zeche  ist für mich ein spannender Schaffensort. Meine ersten Arbeiten hier habe ich aus Stahlresten und Kohlestaub gefertigt“, so die Malerin.  Der Standort Dinslaken hat für die Künstlerin noch ein Plus: „Man hat hier eine höhere Sichtbarkeit als zum Beispiel in Köln oder Berlin “. 

Mein Name ist Hase
Zurück zum Bergpark: Mit einem weiteren partizipatives Kunstwerk, dem Kraftwerk von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, beantworten die Künstler die Frage, wie wir in Zukunft Energie erzeugten, wenn die Kohleförderung beendet ist. Die überraschende und nicht ganz ernst gemeinte Antwort: Durch Muskelkraft. In diesem Kunstwerk treiben Fahrräder Generatoren an, die Strom erzeugen.

Im Bergpark gibt es zudem zwei fest installierte Kunstwerke. Eins thront prominent auf dem ehemaligen Kohleeindicker: Der vier Meter große und signalrote Hase des renommierten Düsseldorfer Künstlers Thomas Schütte. „Wir sind super glücklich, einen so berühmten Künstler für relativ wenig Geld zeigen zu können“, sagt Selbach. Spielerisch und herausfordernd soll der Hase die Besucher zum Nachdenken anregen: „Wie lässt sich angesichts der Geschichte eine offene Zukunft für diesen Ort und seine jungen Bewohner erfinden?“. Die Antwort gibt der Hase leider nicht.

Die zweite Kunstinstallation steht im Kontrast zu diesem gewaltigen Monument. Es ist die Bronzenachbildung eines Kohlestücks, die von ihrem dänischen Künstler Jakob Kolding im Park bewusst versteckt wurde. Die Skulptur muss gesucht und gefunden werden. Klingt zunächst etwas unspektakulär. Tatsächlich soll so Kindern gezeigt werden, wie ein Stück Kohle aussieht und einen Denkanstoß schaffen, um sich mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen. Als „Metabenen-Fan“ fühle ich mich jedenfalls angesprochen und gekitzelt. Ob es der Jugend im Viertel auch so geht, bleibt abzuwarten. 

Zusätzlich zur Kunst im Park, sowie einer Sportfläche mit Spielplatz ist Lohberg  Spielstätte der Extraschicht sowie erstmals wichtige Aufführungsstätte der Ruhrtriennale

Text und Fotos: Jennifer Eletr

 

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Bochumer Rotunde in der Umbaupause

Die Macher der Rotunde, Leo Bauer als Inhaber und Andreas Kellner als Geschäftsführer, haben mit Ende der Fünf-Jahres-Feierlichkeiten die Umbauphase für die geschichtsträchtige Veranstaltungs-location eingeläutet. Auflagen der Stadt machen es notwendig, den alten Katholikentagsbahnhof mitten im Viktoria.Quartier Bochum in den Renovierungsurlaub zu schicken.

Fünf Jahre laufender Kulturbetrieb mit Lesungen, Poetry Slams, Konzerten, abseitigen Veranstaltungsformaten wie dem urbanen Weinfestival „Weine vor Glück“, alternativen Festivals wie dem n.a.t.u.r.-Festival und der Grundhaltung der Macher, alles möglich zu machen, haben die Rotunde zu einem festen Bestandteil und Herzstück der freien Szene im Bochumer Kreativquartier werden lassen. 

Andreas Kellner Portrait

Der Chef packt selbst mit an
Der 40-jährige Andreas Kellner, der für und mit Leo Bauer auch schon andere Projekte in der Bochumer Gastronomie- und Eventszene umgesetzt hat, wie zum Beispiel die beliebte Bar „Freibeuter“ im Bermudadreieck, ist ein gelassener und sympathischer Mensch, dessen Geist und Augen vor Ideen funkeln, wenn man ihn auf seine Arbeit in der Rotunde anspricht. Kellner glaubt an spannende Ideen und den Mut, jenseits des Mainstreams und gemeinsam mit der freien Szene das hiesige kulturelle Angebot zu bereichern. 

Er ist Visionär, zugleich aber auch pragmatischer Anpacktyp. Als wir ihn zum Gespräch treffen hat er die eine Hand am Telefon, während er mit der anderen Kisten wegräumt, uns Getränke anbietet und sich noch schnell mit den Veranstaltern vom Vorabend abspricht. 
Die Hierarchien in der Rotunde sind flach, die Stimmung entsprechend freundschaftlich und entspannt. Kellner, der nach seinem Studium der Germanistik und Philosophie als freier Redakteur für Musikmagazine tätig war, setzte im Anschluss noch eine Ausbildung im Eventmanagementbereich drauf und lernte so auch den Bochumer Gastronom und Querdenker Leo Bauer bei dessen Firma Heba Gastro kennen, welche in Bochum eine langjährige Veranstaltungstradition hat. Unter anderem gehörte Bauer schon das „Riff“ und eine größere Lagerhalle im hinteren Bereich des Geländes rund um die Rotunde, als sich ihm zu Beginn des Jahres 2000 die Möglichkeit bot, das gesamte Gelände zu kaufen. Und diese Chance ließ er sich glücklicherweise nicht entgehen.

im Theater

Die Rotunde hat einen eigenwilligen, einzigartigen Charme
Das Gebäude der heutigen Rotunde war als provisorischer Bahnhof in der Nachkriegszeit gebaut worden, um den logistischen Anforderungen des Deutschen Katholikentages 1949 gerecht zu werden, nachdem der Hauptbahnhof im Krieg komplett zerstört und in einer mehrjährigen Bauphase an alter Stelle neu errichtet wurde. Die eigentliche Nutzung des so genannten Katholikentagsbahnhofs währte weniger als zehn Jahre, danach wurde das Gebäude lange als Schulungszentrum der DB genutzt, bevor es Mitte der 90er zum komplett ungenutzten Leerstand wurde.

Aufgrund seiner Entstehungsgeschichte stets als Provisorium gedacht, übernahm Bauer zunächst eine morsche Ruine. Kellner erinnert sich an die erste gemeinsame Begehung: „Das Dach war eingestürzt, alles vernagelt, die Fenster kaputt und der Schimmel hatte sich breit gemacht. Dazu kam noch die gravierende Problematik, dass wir zu Beginn mit erheblichen baulichen Mängeln bei der Abwasserbeseitigung zu tun hatten, die aufgrund von Haushaltsstopps  erst 2014 durch die Stadt behoben werden konnten. Das Gelände war bei unserer Übernahme vollkommen unerschlossen, das Gebäude selber in einem ziemlich üblen Zustand und noch dazu unter Denkmalschutz. Doch es hatte einen ganz eigenwilligen Charme, der in meinem Kopf direkt jede Menge Gedanken für mögliche Projekte lostrat“. Kellner wurde Geschäftsführer für die ungewöhnliche Location und entwickelte diverse Konzept-Ideen. Den Anfang machte ein Benefizkonzert, welches bei den Besuchern auf totale Begeisterung stieß.

collage rotunde

Die Rotunde steht für Frei- und Spielraum abseits des Mainstreams
Die ersten Veranstaltungen erfolgten mit einzelnen Sondergenehmigungen. Abseits der ausgetretenen Mainstream-Pfade entstand ein Ort, der mit seinen einzigartigen Möglichkeiten die freie Szene immer mehr an sich band. „So etwas wie die Rotunde hatte in Bochum gefehlt. An das Konzept haben wir trotz der baulichen Widrigkeiten, die uns von Anfang an begleiteten, immer geglaubt“, so Kellner über die mutige Entscheidung von ihm und Bauer, mit der Rotunde die Lücke im kulturellen Angebot zu schließen.

Veranstaltungsformate wie das n.a.t.u.r.-Festival sind mit den Räumlichkeiten gewachsen, der ehemalige Bahnhof bietet auch durch die unterschiedlich großen Räume ein breit gefächertes Nutzungspotenzial. Doch mit der Zeit trugen sowohl das Bau-, als auch das Ordnungsamt den Veranstaltern an, sich für eine langfristige Nutzung auch um langfristige Genehmigungen zu kümmern. Pläne für besagten Umbau bestehen nun, und auch die Genehmigung ist beantragt. Die letzte Veranstaltungsreihe vor der Sanierungspause gab es anlässlich der Fünf-Jahres-Feierlichkeiten Ende April.

Nun hat die Rotunde erst einmal geschlossen, Kellner selber ist jedoch zuversichtlich, noch in diesem Jahr wieder eröffnen zu können. Es gibt einiges zu tun und zu beachten, die strengen Auflagen im Rahmen von Brandschutz und der Versammlungsstättenverordnung sind in die Planung eingeflossen. So wird die Gesamtfläche von aktuell 700 Quadratmetern etwas verkleinert, die Toiletten erneuert und barrierefrei gestaltet und eine tragende Wand eingerissen, um einen neuen Konzertraum zu gestalten. Derzeit gibt es nämlich in der Rotunde insgesamt viel Raum, aber keine Fläche mit über 100 Quadratmetern.
„Ich habe den Wunsch, zukünftig auch größere Bands und noch bekanntere DJs einzuladen, um unser Programmportfolio weiter auszubauen. Kreative Leute sollen nach wie vor an diesem Ort ihre Ideen testen und teilen dürfen. Und dass alle originären Formate zu uns zurück finden, das hoffe ich sehr, bin aber durchaus zuversichtlich“, kommentiert Kellner abschließend.

Text: Jennifer Eletr. Fotos: Stefanie Rogg

 

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Rottstraße 5 Theater Bochum - wild & widerständig aber auch einzig und beglückend

"Nirgendwo sind die großen Häuser dichter gesät als im Ruhrgebiet. Wer in Bochum von Theater spricht, der meint das überregional bekannte Schauspielhaus. Oder die kleine Off-Bühne in der Rottstraße 5 - so spricht das kleine Theater angemessen selbstbewusst von sich selbst. 
Durch die für andere Häuser offenbar nicht zu bewältigende, beeindruckend hohe Anzahl von Inszenierungen auf kleinstem Raum und ihren oft direkten, räudigen, lauten Stil erarbeitete sich das Theater eine weit über Bochum hinausgehende Reputation. Gerade Theater-Erstgänger erleben hier ihre offenbar jugendttaugliche Taufe.

Das Theater kam Ende 2012 auch überregional in die Schlagzeilen, weil sich die Macher - wiederrum sehr selbstbewusst - in einem für die Theaterszene geradezu unerhörtem Vorgang, proaktiv um die Intendanz des Schauspielhaus Düsseldorf bewarben. Warum auch nicht? Darüber und wie die Arbeit in diesem kleinen aber wilden Theater aussieht und worin die Ideen und Herausforderungen gründen, sprachen wir mit einem der beiden Leiter, dem Regisseur und Theaterleiter Hans Dreher.

republica hoody

Hans, das Rottstraße5-Theater gibt es jetzt schon über fünf Jahre. Habt ihr das letztes Jahr gefeiert? 
Dadurch, dass das jetzige Leitungsteam, das aus mir und Oliver Paolo Thomas besteht, erst seit ungefähr 2011 aktiv ist, sahen wir dazu keinen Anlass. Wir wollten lieber einfach so weiter machen wie bisher.

Hättest du dir denn am Anfang gedacht, dass das Theater diese fünf Jahre überhaupt schafft?
 Ich dachte damals noch nicht mal, dass es ein Jahr lang gut geht, geschweige denn fünf. Es ist toll, dass wir bisher so viele Erfolge feiern konnten! Bochum ist ja ein armer Ort und hat nicht viel Geld für kulturelle Projekte. Daher bin ich immer noch unglaublich irritiert, aber auch sehr stolz, dass wir es so weit geschafft haben!

Bekommt ihr das als Feedback auch zurück?
 Menschen sind Gewohnheitstiere und neigen dazu, so eine Institution unheimlich schnell als vollkommen selbstverständlich zu akzeptieren. Das ist natürlich gut, weil das bedeutet, dass man uns nicht so schnell wieder vergisst, wenn man uns einmal auf dem Schirm hat. Die Kehrseite ist, dass man sich nicht so viele Fehler erlauben kann. Wir sind ja immer noch ein sehr kleines Team, in dem jeder unheimlich viele Aufgaben übernehmen muss. Da kann es schon mal passieren, dass etwas nicht so hinhaut, wie man sich das anfangs gedacht hat. Da braucht es Toleranz und Verständnis seitens der Zuschauer. Wir freuen uns jedenfalls, dass ein Haufen Leute uns mittlerweile als Fixstern am Kulturhimmel annimmt.

Du hast mal gesagt, dass das Rottstr5-Theater wie eine „Einstiegsdroge“ für Leute sei, die noch nie im Theater gewesen sind.
 Das ist auch nach wie vor so und auch immer noch sehr wichtig für uns. Wir haben keine andere Wahl, als diese gelegentliche Verkopftheit der größeren arrivierteren und institutionalisierten Theater zu durchbrechen. Wir konzentrieren uns auf eine sehr pure Art auf das Erzählen von Geschichten und möchten dadurch die Leute packen, die keine Ahnung von Theaterdiskursen haben. Wir sagen einfach: „Geschichte hier, Schauspieler dort und jetzt erzählen wir euch durchschnittlich 1 Stunde 20 etwas, was ihr nie vergessen werdet.“

im Theater

Die „Rottstraße“ ist bekannt dafür, dass sie Klassiker besonders radikal, laut und dreckig verpackt. Da haben viele bestimmt ihre Probleme mit.
 Es ist immer eine Gradwanderung. Diese krasse, dreckige und unmittelbare Art Theater zu machen reizt vor allem jüngere Zuschauer, schreckt aber ältere Theatergänger eher ab. Aber man kann und darf es nicht allen recht machen. Kritik ist ja auch förderlich! Ich hatte bei meiner letzten Inszenierung „Krieg“ das Erlebnis, dass einer unserer absoluten Stammzuschauer mit den Worten „Sowas muss ich mir nicht ansehen!“ mitten im Stück gegangen ist. Das fand ich toll, ich war richtig stolz, dass ich diesen Mann, der seit der Stunde Null bei uns ist, auf diese Weise gepackt und schockiert habe. Er hatte keine Lust auf die Inszenierung und das respektiere ich als Regisseur. Aber er hat es dann nicht auf die Institution zurückgeführt, sondern saß bei einer der nächsten Vorstellungen wieder da, als sei nichts gewesen.

Macht das für dich auch den Reiz als Regisseur aus? Menschen herauszufordern und Grenzen auszuloten?
 Ich finde immer, dass die Geschichte und nicht die Inszenierung provozieren sollte. Neulich war zum Beispiel die Beckett-Inszenierung „Glückliche Tage“ aus München bei uns zu Gast. Die Inszenierungsidee bestand im Grunde darin, dass die Darstellerin 80 Minuten lang das Publikum angeschrien hat. Dieses Stück besteht zu fast zwei Dritteln aus Regieanweisungen und selbst jedes einzelne Wort dieser Anweisungen hat die Schauspielerin ins Publikum geschrien. Ich war danach so unglaublich aggressiv, fand es aber trotzdem – oder gerade deswegen toll, weil das so eine Kraft hatte. Ich hatte die ganze Zeit geballte Fäuste! Aber eigentlich finde ich, dass man als Regisseur nicht noch zusätzlich irgendwelche krassen Mittel erfinden muss, nur um die Leute zu verwundern, befremden oder zu verärgern. Das soll der Stoff machen.

Ihr habt ja in der Anfangszeit des Rottstr-Theaters finanziell extrem sparsam inszeniert und gelebt.
 Und das hat sich bisher auch nicht geändert! Wir müssen unsere Leute nach wie vor alle viel zu schlecht bezahlen und was wir als Ausstattungs-Etat haben ist vielleicht nicht zu wenig, aber immer noch sehr wenig. In den Anfangszeiten hatten wir aber im Grunde Null-Euro-Etats für die Inszenierungen. Das hieß, alles was wir eingekauft haben, haben wir versucht, rückwirkend über Zuschauereinnahmen wieder abzubezahlen. Wir sind dann oft auf den Ausgaben sitzen geblieben und haben die Schauspieler dann nur mit einem Teil der Einnahmen der Abendkasse bezahlt. Mittlerweile können wir zwar eine kleine Abendgage garantieren, die ist aber auch im Vergleich zu anderen freien Theatern immer noch ein Witz.

Jacken & Kostüme

Du stehst ja seit Beginn mit an der Spitze. Gab es Momente, in denen du mal gezweifelt oder sogar ans Aufhören gedacht hast?
 Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht zweifle. Meine Hoffnung ist, dass vor Allem dieses ständige Akquise-Betreiben irgendwann aufhört. Wir bekommen nun seit Sommer 2013 städtische finanzielle Mittel, die es uns ermöglichen jedes Jahr fest zu planen. Jetzt haben wir zusätzlich sogar eine Dreijahres-Förderung von den Stadtwerken Bochum erhalten, die Sicherheit gibt, dass wir auf jeden Fall noch diese drei Jahre offen sein werden.  Das wussten wir ja vorher von Jahr zu Jahr nicht. Stellt sich jetzt nur noch die Frage, wie viel wir tatsächlich produzieren und ob wir diesen krassen Rhythmus, jeden Monat eine Premiere zu machen, beibehalten können. Im März waren es ja jetzt sogar drei, das ist fast unvorstellbar.

Ihr habt euch 2012 dann für die Intendanz des Düsseldorfer Schauspielhauses beworben. War das nicht sehr gewagt? Dann wäre ja plötzlich alles vorbei gewesen.
 Das tolle ist: Nur Oliver und ich wären dann weggewesen. Aber wenn sich eines mittlerweile gezeigt hat, dann diese, dass die „Rottstraße“ eine Vision ist, die stärker ist als jeder Einzelne, der dort arbeitet. Aber sich für Düsseldorf ins Spiel zu bringen, war nicht ganz ernst gemeint. Das war für uns so ein bisschen wie das Ausfüllen eines Lottoscheins. Man weiß zwar wie schlecht die Chancen stehen, macht sich aber trotzdem darüber Gedanken, was man mit dem Hauptgewinn anstellen würde. Und dennoch: Ich bin überzeugt, dass wir ein größeres Theater führen und leiten könnten! Ob ironisch oder nicht: Wir hätten es nicht gemacht, wenn wir uns das nicht zugetraut hätten.

Wieso ist Bochum ein guter Ort, um so ein Konzept wie das Rottstr5-Theater in der Kulturszene zu verankern?Hier läuft viel über Mundpropaganda. Die ist hier zuverlässiger als Zeitungsartikel und Social Media. Allein dadurch, dass Bochum so eine kleine und kompakte Innenstadt hat, wo man dauernd Leute trifft, funktioniert auch der Austausch.

Was passiert, wenn der Hype um die „Rottstraße“ nachlässt?
 Wir haben jetzt schon keinen Welpenschutz mehr. Den anfänglichen Hype gibt es auch nicht mehr. Manchmal wird noch von „gehypten“ Arbeiten gesprochen, wie zum Beispiel gerade wieder bei Marco Massafras „Disco Pigs“. Prinzipiell würde ich aber sagen, dass wir schon zu lange da sind, als dass wir  noch von irgendeinem Hype profitieren.

Wünscht du dir was für das Rottstr5-Theater in Zukunft?
 Wenn ich davon ausgehen kann, dass es uns weiterhin gelingt, die Geschichten, die wir erzählen wollen, so zu erzählen, dass es unseren Zuschauern gefällt, wäre mein größter Wunsch, dass wir irgendwann in der Lage sein können, den Künstlern und Mitarbeitern eine angemessene Bezahlung  zu bieten. Das wäre wichtig. Alles andere ist Beiwerk und Ausschmückung. Ich würde einfach gerne den ganzen tollen Menschen, die bei uns arbeiten und auf die ich mich mittlerweile blind verlassen kann, mehr finanzielle Sicherheit bieten.

Gespräch & Fotos Kerrin Banz, Potrait Hans Dreher: Hans Dreher

 

 

republica mit handy

Visionen von Stadt auf der re:publica15

Die Republica ist die Konferenz der digitalen Gesellschaft. Aber treffen tun sich all die digital versierten Menschen immer noch in einer ganz und gar analogen Stadt. Die Stadt (nicht Berlin, sondern die Stadt als Ort), ist im Trend. Noch nie lebten so viele Menschen auf dem Planeten in Städten. Städte sind die Orte für Kreativität und kulturellen Wandel, sie sind der Schlüssel für die Lösung der Klimakrise, sie zeigen jenen Mix aus Kulturen und Lebensentwürfen, der eine Gesellschaft mit allen Potentialen und Problemen spiegelt - zugegeben in manchen Städten mehr, in anderen weniger. 

Das Wissenschaftsjahr des Bundesministieriums für Forschung widmete sich jedenfalls mit #Zukunftstadt dem Thema und auf der re:publica gab es die Sektion „City of the Future.“  Wir waren auf der re:publica und haben viel erfahren über die Stadt von Morgen und Heute. 

republica hoody

Bei City of the Future berichtete beispielsweise Norman Klüber, Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts, über Ideen zum Wohnsiloareal Halle-Neustadt: „Symbiotische Stadt“ nennt er seinen Entwurf. Das bedeutet: nachhaltig, klimatneutral, partizipativ in neuen Wohnformen und mit passender Architektur. In den „shrinking cities" entstanden sehr innovative Ansätze wie mit Leerstand umzugehen sei, doch finanziell gefördert wurde vor allem der Abriss. Trotz partieller Quartiersaufwertung bleiben Stadtteile stigmatisiert, gebauter Raum ungenutzt. Er sagt Wohnraumplanung müsse heute viel heterogener sein, als nur die typische Kleinfamiliewohnung im Auge zu haben.

So ein Wohnblock Areal wie Halle Neustadt bietet Chancen! Hier könnte in einem Haus so viel Variablen gebaut werden, wie moderne Lebensformen der Menschen von jung bis alt, von Single bis Großfamilie hergeben. Klüber plädiert dafür, die Produktion auch in die Stadt tragen, von Fleischkonsum und Gemüse. Dezentrale Strukturen Urban Gardening seien in sozialistischen Planstädten vielleicht sogar leichter zu organisieren. Die symbiotische Stadt ist eine Stadt der kurzen Wege und der lokalen Wertschöpfung, weil Dienstleistung und Gewerbeansiedlung in Wohngebieten aktiv gefördert wird. Für viele Ideen sei es aber wichtig, die Stadtplanung selbst zu übernehmen. Das nehme die Verwaltung nicht aus der Verantwortung, aber könne das systemimmanente Bremsen der Verwaltungen mindern. Ein schöner Gedanke.

Veranstaltung IUC

Das MIT Senseable City Lab arbeitet irgendwo zwischen Forschung und Kunstinstallationen. So nennt sich ein Projekt „Local Warming": Leute werden von einem Gebäude gezielt erfasst, um ihre Wärme zu nutzen und in ihrer Umgebung, nicht im gesamten Gebäude, die für sie gewünschte Temperatur zur Verfügung zu stellen. Auf der Biennale in Venedig stellten sie Clouds & Bubbles vor, die den einzelnen Besuchern eines Raumes folgen, und den unmittelbaren Raum ums sie erwärmen oder kühlen können. Ein bisschen gespenstisch. Auf der Webseite des Forschungsinstituts schlummern aber dutzende tolle Ideen für die Stadt der Zukunft von verrückt bis praktisch. Carol Rattis Vortrag ist auch online zu sehen

In seinem Vortrag "Online, Offline and all-over the city" erzählt der deutsche Künstler Aram Bartholl wie Technologie die Stadt verändert, aber vor allem, wie witzig und klug Interventionen mit modernen Mitteln sein können. So sagt er, die Werbung auf so vielen Gebäuden in den Städten, sei symbolisch für das, was mit unseren Städten passiert - sie seien zu gutem Teil nur noch Konsumräume und nicht Kommunikationsräume. Dagegen richten sich ein paar Aktionen des Künstlers.

Bekannt geworden ist er mit seinen Google Maps Markern, die er riesig groß in den analogen Stadtraum pflockt. Seit 2006 baut er die Marker und wirft damit Fragen auf: Wie kommt das Internet in die Stadt und wo ist die Stadt eigentlich? Ein anderes auf der ganzen Welt erfolgreiches Projekt ist „Deaddrops“. Bartholl baut USB Sticks in Wände im Stadtraum wie einst tote Briefkästen für Agenten.  Dort kann jeder Stadtbewohner fern von Internentüberwachung Daten austauschen und lagern. „Offline Filesharing“ nennt er es. Bis heute hat es 10.000 GB Uploads gegeben. Sie sind überwachungsresistent, Bands nutzen es als kostenloses Marketingtool, eine MoMa Show „bring & share“ hat Kunst von No-Name Künstlern auf Deaddrops ins Museum gebracht, die nun sagen können, Ich wurde in einer Ausstellung im MoMa gezeigt. Sein Vortrag ist auch online ansehbar.https://re-publica.de/session/online-offline-and-all-over-city

republica publikum

Unterhaltsam und zugleich bitter und klug war der Vortrag von SZ Journalist Alex Rühle: Unsere Stadt auf Goldgrund. Eine Verzweiflungstat aufgrund der irren Immobilienmarktes in München. Rühle und einige Freunde erfanden den Immobilienentwickler Goldgrund und bestücken die Webseite und Flyer mit all den Phrasen, mit denen heute öffentlicher Raum und Wohnungen verspekuliert werden. „Die Wohnung als persönliches Life-statement. Der Englische Garten als Vorgarten usw..“ 
Der Stadtraum wird Kunden zu Füssen gelegt wie einst Monarchen. Diese Käufer wollen zwar mitten in der Stadt wohnen, aber die Stadt nicht in ihre Häuser lassen: „Bürger kommt von Burg. Die bietet Schutz & Sicherheit warben die „Augustenhöfe“, zitiert Rühle aus einem Werbeflyer eines Immobilienunternehmens. Also erst raus zu Poeten und Schwulen und Punks und wenn man nach Haus kommt, geht die Zugbrücke hoch. 

„Wir reden über Gentrifizierung wie übers Wetter, ‚Kann man nix machen.“, sagt Rühle. Und sieht es ganz anders. Und handelte. „Wie werde ich Immobilienmakler“ ist Suchanfrage Platz 7 bei Google. So gestalteten die Freunde eine schillernde Webseite zwischen pompös und halbseiden. Die Münchner Freiheit, sagt Rühle, ist einer er letzten urbanen Orte in München, wo es sich mischt, Spielplatz, Läden, Alkis, Schachspieler, genau hierhin behauptete Goldgrund ein Chromstahlmonster mit Namen l’Arche de Munich bauen zu wollen - für 8 Millionen pro Loft. Eine Russin wollte gleich das ganze Haus nehmen. 

Aus der bald aufkeimenden Empörung wurde eine Podiumsdiskussion die zur Grundfrage moderner Stadtpolitik führte: Wem gehört die Stadt? Goldgrund begann bei städtischen Immobilien zu intervenieren, die noch in Ordnung waren, aber allesamt abgerissen werden sollten, um Premiumwohnraum zu schaffen, wo dringend bezahlbarer Wohnraum gebraucht wird. Durch Zwischennutzung, Besetzungspartys mit Prominenten, Überraschungsrenovierungen entstand eine noch heute aktive Bewegung, die einige Gebäude den Spekulanten in Stadt und Wirtschaft entreißen konnten. Moderner Protest für eine moderne - vor allem lebenswerte und bezahlbare - Stadt. 

Text: Christian Caravante: Alle Fotos cc Lizenz, copyright re:publica/Gregor Fischer & Jan Zappner

 

 

Bild Jenny Essen Spaziergang

Vision und viel Platz wurde zum Raumproblem bei Post_eins Oberhausen

Das Schicksal der Kreativgemeinschaft post_eins in Oberhausen steht symbolisch für die Chancen und Risiken von Leerstandsnutzung im kreativen Bereich. Mehr als zehn Jahre stand die Oberhausener Postimmobilie in der Nähe des Hauptbahnhofs leer, bis sich 2010 eine Gruppe aus Mitgliedern der Freien Oberhausener Kreativwirtschaft FROK, darunter u.a. der selbstständige Grafik-Designer Uwe Lux für den Leerstand interessierten. FROK war aus dem Bedürfnis entstanden, kreatives Schaffen in Oberhausen selbst zu organisieren, da man sich durch die regionale Kulturpolitik nicht ausreichend repräsentiert sah. Heute steht die Zukunft der Gemeinschaft in Frage, da nach Besitzerwechseln Unsicherheit ins Haus zog. 

Hans am Tresen

Zu der „Wir machen das selbst Einstellung“ passte die Immobilie zunächst hervorragend. Durch die zentrale Lage und ein großzügiges Raumangebot bot sie ungemein viel Potential, um kreativen Dienstleistern und freien Künstlern eine Verwirklichungsstätte zu geben. Dazu kommt die Nähe zu anderen Projekten im Kreativquartier wie zu der Künstlergruppe kitev, die mit ihren Aktivitäten im Bahnhofsturm ein „Labor für ausgefallene Interventionen“ geschaffen haben. Doch parallel zum theoretisch reichlich vorhandenen Raum kamen tatsächliche Raumprobleme von Stunde Eins an. Zunächst kümmerte sich zwar niemand um die neuen Mieter, aber mit einem Eigentümerwechsel 2013 entstand eine Situation, die die Zukunft der Gemeinschaft unsicher machte und kreative Synergien schwächte. 

Postgebäude ist Schatz
2010 gehörten die fünf Etagen der Immobilie einem  Luxemburger Immobilienfonds mit Tochtergesellschaft in Frankfurt a.M., über die Lux mit Hilfe von Schoo Flemming und Axel J. Scherer  von der FROK e.V. den Makler des charmanten Objektes ausfindig machen konnten. Darüber stand noch ein amerikanisches Investmentunternehmen, das im großen Stil alle circa 1200 leerstehenden Postimmobilien in Deutschland erworben hatte. Schnell und zunächst auch unkompliziert kamen Mietverträge für einzelne Büroräume auf einem der langen Postflure zustande. In dieser ersten Phase der post_eins konnten auch Kreative einziehen, die sich unter anderen Umständen keine eigenen Büroräume hätten leisten können. „Wir hatten zu Anfang sehr viele Freiräume und das zu guten Konditionen. Das war für mich als Berufsstarterin zu dem Zeitpunkt pures Gold wert “, so Designerin Jenny Ananaba.

Veranstaltung IUC

René Jankowski, der in der post_eins als Fotograf tätig ist, beschreibt die Situation in den Anfangsjahren so: „Wir hatten zu Beginn eine Art narrenfreie Warmhalterfunktion. Sie bot tolle Möglichkeiten für Fotoshootings und irre Locations. Oben im Gebäude ist beispielsweise eine alte Kantine, voll möbliert, mit Küche inklusive der Kühlräume. Mit dem Licht und der Reflektion dort habe ich irre Bilder erstellen können. Auch der Keller mit seinen bizarren Waschkauen bot eine wirklich einzigartige und individuelle Location.“ Artefakte aus alten Postzeiten lagen vergessen und ungenutzt herum: Poststempel, literweise Stempelfarbe und alte Uniformen. Selbst das Fett stand noch in den Pfannen in der Kantine.

Kreative Projekte auf Eis
Mittlerweile ist die Immobilie aber verkauft und Teile des Gebäudes sind nicht mehr zugänglich. Die gesamte Nutzung des Gebäudes wurde sukzessive restriktiver gehandhabt. Lux erinnert sich: „2012 hing auf einmal mitten vor meinem Bürofenster ein riesiges Verkaufsbanner und blieb dann dort für die nächsten anderthalb Jahre bis zum Weiterverkauf im Herbst 2013“. Seitdem gibt es immer wieder Vermietungsstopps. Der Grund: Bislang gibt es noch keine definitiven Pläne für die Zukunft des Gebäudes und auch noch immer keine verbrauchsabhängige Stromabrechnung, weshalb der aktuelle Vermieter lieber vorsichtig plant. Für die Kreativen bedeutet es Stillstand. Mehrere Anfragen weiterer Kreativschaffender mussten abgelehnt werden, sich in Planung befindliche Verträge wurden auf Eis gelegt. Anfragen für temporäre Vermietungen, z.B. im Rahmen der Oberhausener Kurzfilmtage oder von Theatergruppen wurden vom Vermieter nicht erlaubt.

Veranstaltung IUC

Die rote Couch auf Rollen
„Als wir hier angefangen haben, herrschten ein spürbarer Gründergeist und eine tolle Energie. Wir hatten damals noch einen Gemeinschaftsraum, den man nicht extra dazu mieten musste. Es entstanden Synergien, die ohne die Nähe gar nicht möglich gewesen wären. Jetzt bleibt uns wegen der Brandschutzauflagen und dem Verbot, Räume zu nutzen, die nicht zusätzlich angemietet wurden, lediglich eine rote Couch auf Rollen, die wir für unsere Meetings nutzen. Die steht sinnbildlich für unsere Situation grade“, sagt Lux. 

Verständnis für die Planungsvorsicht des aktuellen Vermieters habe man natürlich, aber freies Wachstum, das für die Arbeit von Kreativen so essentiell sei, werde eingeschränkt. Ideen bleiben auf der Strecke, weil der Blick in die Zukunft der post_eins schwierig geworden ist. Freies Schaffen und Träumen im Sinne eines vernetzten Kreativquartiers sind unter solchen Umständen schwer oder eigentlich gar nicht mehr realisierbar. Der Kampf um den eigenen kreativen Raum verhindert weitergehende Kontakte zu anderen Akteuren der Kreativ-, und Kunstszene im Kreativquartier Oberhausen Mitte, wie kitev oder dem selbstverwalteten Jugend-, und Kulturzentrum Druckluft

post_eins könnte Spielwiese für Kreative sein
Die Kreativgemeinschaft (darunter in der aktuellen Besetzung auch noch neben den im Gespräch mit kreativquartiere.de beteiligten Akteuren ein Bildhauer, eine Künstleragentin, eine Eventagenturhttp://www.olgas-rock.de/, ein Videoproduzent und eine Online-Marketing-Agentur) aus der post_eins möchte zusammenbleiben, am liebsten natürlich genau in diesen Räumen. 

„Platz genug ist ja,“ meint Lux, „Es gäbe die Möglichkeit sich mit weiteren Protagonisten des Kreativquartiers zusammenzutun und den Bogen der Möglichkeiten über post_eins hinaus zu spannen. Der Standort Oberhausen bietet viele denkbare Projekte, die wir aber aufgrund der aktuellen Unsicherheiten leider nicht angehen können. Das bedeutet verpasste Chancen, für uns wie für den Standort“. 

Text: Jennifer Eletr / Fotos: (c) post_eins

 

 

Bild Jenny Essen Spaziergang


Von Galerien, Flirtakademien + chinesischen Feuertöpfen: Die City.Nord Essen
 

Das Kreativquartier City Nord liegt zwischen den Ausläufern der bereits am Hauptbahnhof in großen Lettern angepriesenen Shoppingmeile, der „Einkaufsstadt“, und der Universitätsgegend. 
Die City Nord war lange der stiefkindliche Zipfel der Innenstadt, eine Gegend, in die sich wenige Samstags-Shopper verlaufen und wo nachts die Schritte schon einmal angezogen werden. Zwischen Schützenbahn, Viehofer Straße und Keuzeskirchstraße, bis hin zum Berliner Platz erstreckt sich das Kreativquartier City Nord mit vielen unterschiedlichen künstlerischen Konzepten und Orten. 

Hans am Tresen

Am Bekanntesten sind wohl das Unperfekthaus, das Galeriehaus Schützenbahn und die inzwischen entweihte und in Sanierung befindliche Kreuzeskirche. An einem gewöhnlichen Samstagnachmittag im April will ich das Essener Kreativquartier mit den unbedachten Augen eines Besuchers  erfassen, der Eindrücke sammelt. Einige der Fragen, auf deren Antworten ich gespannt bin: „Sind die Orte des Kreativquartiers leicht zu finden?“, „Was gibt es im direkten Umfeld der bekannten Kunst-, und Kreativorte ?“ und: „Ist dort wegen der Künstler und Kreativen ein kreativer Ruck zu spüren?“. 

Um eine der Antworten schon vorwegzunehmen: Die Orte der Kunstschaffenden in Essens City Nord winken einen nicht mit lauter Musik und blinkenden Neonschildern zu sich heran. Man muss schon genauer hinsehen, um die künstlerische und kreative Vielfalt vor Ort wahrzunehmen. Wer sich aber darauf einlässt, entdeckt im Gegenzug viel mehr, als zuvor erwartet oder erhofft.  

Galerie-Kunst und Street Art liegen in Essen City Nord eng beieinander
Ich beginne meinen Spaziergang durch das Kreativquartier, indem ich mich dem Atelierhaus Schützenbahn durch eine mir bislang unbekannte Seitenstraße nähere. Hier herrscht innerständisches Treiben fern von Samstagsbummel oder Kunstgeschehen. Die Straße führt mich an der Seite des Atelierhausgebäudes vorbei frontal auf ein schäbiges Parkhaus voller Graffiti zu, eingebettet in eine Kulisse aus einer abgedunkelten Bar und einer eingeschlagenen Panzerglastür. Beim Gang um die Ecke erblicke ich die erste Schaufensterfront eines Ateliers an der Seite des Atelierhauses Schützenbahn. Hier gibt es auch Graffiti, allerdings auf Leinwand.

Ein passendes Entree für den Rundgang, weil durch Street Art auf beiden Seiten ein reizvoller Rahmen zwischen Kunst und ihrer Umgebung geschaffen wird. Spannend. Gar nicht unweit des Trubels um die Haupteinkaufsstraße wirkt das Viertel hier entschleunigt. Der Samstagmittag scheint nicht die Hauptschaffenszeit der hiesigen Kunstszene zu sein. Ich drücke mir am Eingang des Atelierhauses die Nase platt. An der Tür stehen keine Öffnungszeiten und auch keine weiteren Infos. 
Das Essener Kreativquartier drängt sich dem Besucher also nicht direkt auf, wenn man ohne konkreten Anlass auftaucht. Meine Neugier auf die weiteren Spielorte und auch die Umgebung ist dennoch oder auch grade deswegen entfacht.

Veranstaltung IUC

Das Kreativquartier will entdeckt und erobert werden

Weiter geht es die Schützenbahn entlang, an dem besagten Parkhaus, einer leerstehenden Bowlingbahn, dem Afterhourclub „Studio“ und einer nicht unwesentlichen Anzahl an Leerständen vorbei. Schön ist anders. Macht aber nichts, denn ich bin schließlich auf Entdeckungsreise. Neben Proteinshake-Fitness-Büdchen und den Büroräumen eines Versicherungsmaklers befindet sich der Galerieraum „Alte Mitte“. Leider ist der auch zu. Begegnungen sind an diesem Tag erschwert. Also mache ich mich auf, die Pfade und Zwischenorte zwischen den kulturellen Highlights in Essen City Nord zu erkunden. Das Aroma der verschiedenen internationalen Imbissbuden und Restaurants lockt mich auf die Viehofer Straße. Auf den ersten Blick ist das immer noch eine schäbige, fern von „gentrifiziert“ zu bezeichnende Gegend. 

Das Kreativquartier will offenbar entdeckt und erobert  werden, es zeigt sich mir nicht unbedingt bereitwillig an diesem Tag. Hinweis und Schilder zu den Stätten und Highlights des Kreativquartiers City Nord sind leider (noch) nicht zu finden. Mit einem behutsamen Blick und etwas Feinsinn entfaltet sich mir jedoch eine spannende Szenerie mit oft unerwarteten Details. Subkulturläden und internationale Supermärkte sind hier genauso zu finden wie Casinos und Trinkhallen. Mittendrin eine Skulptur, stummer Zeuge einer „Shoe Tossing“-Aktion und nicht weit davon, vor dem Mehrgenerationenhaus, eine Give Box. Vom Prinzip wie ein offener Bücherschrank. Nur für Alles. Ein tolles Konzept, auch wenn der Gedanke, was eventuell jemand anders noch nutzen mag oder potentiell schön findet, zuweilen für meinen Geschmack in dieser Gegend etwas zu frei interpretiert worden ist. 

Veranstaltung IUC

Matcha Latte und Kunst To Go im Café Kulturreform

Angezogen von einer mit Kreide aufgezeichneten Speisekarte, die mit einer Vielzahl von modernen vegetarischen und veganen Speisen zu fairen Preisen lockt, gehe ich auf einen Matcha Latte ins Café Konsumreform. Das junge Konzept geht augenscheinlich auf. Eine alternative Szene lümmelt in den Sesseln herum, isst Salate mit Ziegenkäse, vegane Suppen sowie Törtchen und unterhält sich angeregt oder liest. Meine Begleitung zieht sich aus dem „Art Surprise Automaten“ im Café für fünf Euro eine kleine Lithographie. Wir sind angetan. 

Frisch gestärkt laufen wir in Richtung Kreuzeskirchstraße zur Baustelle des neuen Wiesemannschen Großprojektes, das sich in einer Gegend mit vielen alt-eingesessenen Mittelstandsländen von Berufsbekleidung bis Nähmaschinenreparatur gelegen und zwischen seinen bereits etablierten Projekten, dem Unperfekthaus und der City Messehalle, befindet. Letztere beherbergt seit nicht allzu langer Zeit das „alt-A“, ein Mischkonzept aus Marktplatz, Café, Workshoport und Showroom für generationsübergreifende Zusammenarbeit. An einem einladend wirkenden chinesischen Feuertopfrestaurant vorbei stoßen wir zwischen einem Halal-Metzger und einem Comic Shop auf einen grade stattfinden Malerei-Workshop in einer Galerie und schauen uns durch das Schaufenster der Galerie Ricarda Fox eine zeitgenössische Fotoausstellung über „Street Sports“ im Ruhrgebiet an. So geht ein insgesamt  facettenreicher Tagesausflug zu Ende, als wir auf dem Weg zur letzten Station, dem Unperfekthaus, noch weitere innovative Ladenkonzepte aufspüren, darunter ein marokkanisches Schnellrestaurant, ein Cocktail Delivery Service und die „Flirt University“. 

Veranstaltung IUC

Der alljährliche Art Walk öffnet Besuchern alle Türen

Fünf Stunden sind wie im Flug vergangen bei dieser Tour. Da alle Orte sehr nah zusammen liegen, kann man die City Nord Essen natürlich auch viel flotter durchkreuzen.  Mein persönliches Fazit nach diesem Tag: der Reiz dieses Kreativquartiers entfaltet sich erst richtig, wenn man die nötige Zeit einplant und zuweilen länger hinschaut für Schönheit auf den zweiten Blick. Auch wenn ich an diesem Tag, wohlgemerkt ohne vorher Termine gemacht zu haben und auch ohne konkreten Anlass in Form eines Events oder einer Ausstellung, vor vielen verschlossenen Türen gestanden habe, soll nicht unerwähnt bleiben, dass Events wie der ART WALK des Kulturbüros der Stadt Essen in Kooperation mit der örtlichen Kunstszene sehr viel dafür tun, der interessierten Öffentlichkeit mit in das künstlerische Geschehen mit einzubinden. So wird konzentriert Nähe und Zugang zu den Orten und ihren Protagonisten hergestellt. Wer ohne Termin und hinein in die sehr individuellen Öffnungszeiten alle Orte an einem Tag besuchen möchte, um einen Blick in die Arbeitsräume der Szene zu bekommen, sollte den Termin des Art Walk nicht verpassen.

Autorin+Fotos Jennifer Eletr

 

 

Bildcollage zu KQR-Thema on tour

 

"Der Hans" Hofladen für Großstädter mit Landlust 

Unsere Gastautorin Carmen Radeck arbeitet als freie Journalistin und bloggt in ihrem Online-Magazin RuhrGründer über Startups und die Gründerszene im Ruhrgebiet. In regelmäßiger Folge berichtet sie für uns über interessante Gründungen in der Region. Diesmal der Laden "Der Hans" im Kaiserviertel in Dortmund. 

Hans am Tresen

Kurz vor der Eröffnung seines eigenen kleinen Ladens wird Julian Hans dann doch ein bisschen nervös. Erst wenige Tage zuvor hatte er seinen letzten Arbeitstag in der Kommunikationsabteilung eines großen Essener Konzerns absolviert. Seit dem 1. April erlebt der 30-Jährige das Kontrastprogramm zu seinem bisherigen Berufsleben. Da eröffnete er sein eigenes Geschäft mitten im hippen Dortmunder Kaiserstraßenviertel, ein Hofladen für Großstadtmenschen sozusagen, der so heißt wie er der Inhaber selbst: „Der Hans“. Neben frischem Obst, Gemüse und Milchprodukten von Bauern aus der Region bietet der junge Gründer auch Gewürze, Schokolade, Süßigkeiten, Tee, Kaffee, Bier und Korn an – keine Massenware, sondern Produkte von jungen Unternehmen und Startups.

Jeder Apfel hat eine Geschichte
Um sich von den Supermärkten um ihn herum abzusetzen, setzt der junge Gründer mit seinem Konzept nicht nur auf eine liebevolle Einrichtung - das Obst hängt bei ihm an einem „Baumregal“, das Gemüse liegt in Blumenkästen, die ganz rustikal an Leitern befestigt sind -, sondern vor allem auf Transparenz: „In meinem Laden hat jedes Produkt eine Geschichte“, sagt Julian Hans. Heißt ganz konkret: „Wenn ein Kunde bei mir Äpfel kauft, kann ich ihm beim Kassieren mit dem iPad Kassensystem auch gleich den Baum zeigen, an dem er gewachsen ist.“

Veranstaltung IUC

Lieferantennetz von Höfen aus der Region
Für die frischen Lebensmittel hat sich der junge Ladeninhaber ein kleines Lieferantennetz aufgebaut mit Höfen aus Dortmund, Waltrop, Fröndenberg und Werne, die vor allem von jungen Bauern betrieben werden. Die standen seinem Konzept sofort aufgeschlossen gegenüber. "Gerade die jüngere Generation hat erkannt, dass ein Schild zum eigenen Hofladen nicht mehr ausreicht und sucht nach neuen Absatzkanälen", sagt Julian Hans. 

Von diesen Höfen holt „der Hans“ nun mehrmals wöchentlich die frischen Lebensmittel ab, um sie tagesaktuell nicht nur in seinem Ladenlokal in der Kaiserstraße 75 anzubieten, sondern sie auch mit Fotos und der dazugehörigen Geschichte in seinem Onlineshop samt den dazugehörigen Social Media Kanälen zu präsentieren. Wer es während der Öffnungszeiten nicht in den Laden schafft, kann auch online bestellen und sich vom Lieferservice „Hans bringt Glück“ die Waren ins Büro oder nach Hause liefern lassen – allerdings nur innerhalb der Dortmunder Stadtgrenzen.

Geschäftsidee in die Wiege gelegt
Doch nicht nur seine Produkte, auch „der Hans“ selbst hat eine Geschichte. „Der Grundstein für die Idee, meinen eigenen Lebensmittelladen zu eröffnen“, erzählt Julian Hans mit einem Augenzwinkern, „wurde gelegt als ich fünf war und einen Entsafter zu Weihnachten geschenkt bekam“. Das „Beweisfoto“ dazu kann man sich übrigens im Laden anschauen. Geboren und aufgewachsen ist Julian Hans im Münsterland ganz klassisch mit Gemüsegarten und Obstbäumen. Opa brannte Schnaps, die Milch holten Julian und sein Bruder mit der Kanne vom Bauern nebenan. 

Veranstaltung IUC

Als er nach dem Abitur dann für Ausbildung und Studium in die Großstadt zog, vermisste er vor allem den Geschmack aus seiner Kindheit. "Den Geschmack einer frischen Tomate aus dem eigenen Garten, so was findet man nicht so einfach", sagt Julian und freut sich deshalb besonders, diesen Geschmack nun in seinem eigenen Laden zu präsentieren zu können. Auch ein Entsafter kommt wieder zum Einsatz: Jeden Morgen werden damit Smoothies hergestellt für das gesunde Frühstück zum Mitnehmen, „den Hans to go“. 

Popup Store im Projektraum „offene antworten“
Ob sein Konzept aufgeht, vor allem jungen Großstädtern frische, regionale Lebensmittel schmackhaft zu machen, das möchte der Dortmunder Gründer erst einmal für vier Monate testen, so lang – bzw. so kurz – läuft sein Mietvertrag fürs erste. Statt sich ein festes Ladenlokal zu suchen, startet „Der Hans“ als Popup Store und nutzt dazu die Räumlichkeiten des Projektraums „offene Antworten“. Dieser wird betrieben von dem Büro für Kommunikation gestaltend und den Veranstaltungs-Experten Neovaude, zwei Kreativ-Büros aus dem Kaiserviertel. 

Verkauft „der Hans“ tagsüber seine Produkte, wird der Projektraum abends für Events genutzt, wie Konzerte, Workshops, Vorträge, Themen-Abende, Empfänge, Lesungen oder Partys. Dabei passt Julian Hans‘ kreativer Lebensmittelhandel ideal in das Konzept des Projektraums, der als Viertel-Raum der östlichen Innenstadt „über die übliche Kultur hinaus" da sein soll für gute Ideen und schöne Sachen.

Kontakt:
Der Hans
Kaiserstr. 75, Dortmund

www.hansbringtglueck.de

 

 

Foto Punky

 

Punky Bahr aus Herten: Recyclingkunst mit Geschichten 

"Ich bin ein Alien. Für die Ausgeflippten zu spießig und für die Spießigen zu ausgeflippt“, so beschreibt sich Punky Bahr aus Herten selbst. Im Schatten der bekannten Industrie-, und Kulturstätte Zeche Ewald, inmitten einer Kulisse, die Nicht-Ruhrgebietsromantiker wohl eher als trist abstempeln würden, liegt die Wirkungsstätte des Recyclingkünstlers. 

PUnky im Atelier

Beruf und Berufung liegen bei dem Wahl-Hertener „Punky“ nah beieinander, die Trennlinien zwischen Hobby, Beruf und Kunst sind fließend. So ist es auch wenig überraschend, dass zum Interview in seinen privaten Wohnraum geladen wird, welcher gleichzeitig als Werk-, und Verkaufsraum für seine Skulpturen fungiert. Name ist auch Programm: der bunte Irokesenschnitt ziert den Künstler bereits seit 30 Jahren. Als bunter Vogel und auch durch sein Brot und Butter-Geschäft, die Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen, vor Ort bekannt, zeigt er sich im Gespräch als Freidenker, Macher, Grenzgänger und Erfinder. Punky besitzt eine besondere Mischung aus pragmatischer Anpacklust mit geschärftem und offenen Blick auf die Welt der kleinen Dinge.

Selber machen, finden, tauschen, aufarbeiten: Punkys Credo
Punky ist eine ausgewiesene Sammlernatur und bezeichnet sich selber als Ruhrgebiets-Archäologe. Seine Ausgrabungen führen ihn dabei auf Flohmärkte in der Region, sowie in die Wohnungen von älteren Menschen. „Abgelegte private Dinge erzählen oft eine Geschichte, die ich dann in meiner Kunst weiter erzähle oder in eigene Geschichten einbaue. Vorher weiß ich eigentlich nie, wonach ich suche, oder woran ich als Nächstes arbeiten werde. Das ergibt sich.“ 

Eben dieses plastische Storytelling scheint ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtkunstwerks des Punky Bahr zu sein. Im Künstlergespräch ertappe ich mich dabei, wie ich selber Referenzen zu eigens Erlebtem herstelle und öfter einen Abgleich von persönlicher Erlebnisarchäologie mit den Exponaten und Berichten des Künstlers schaffe. Deshalb an dieser Stelle direkt auch der Tipp, zu einem Treffen mit Punky Bahr und seiner Kunst genügend Zeit mitzubringen. 

Veranstaltung IUC

Bei der Beschäftigung mit der Werkschau im Wohn-, und Arbeitshaus des Künstlers wird deutlich, dass die Auswahl an Materialien für seine Objekte alles nur Denkbare umfasst: Alte Kronkorken, Flaschen und Drähte finden bei den inhaltgeladenen Werken genauso viel Verwendung wie etwa religiöse Gegenstände oder komplette Uhren, Kochlöffel und Fotokopierer. Die Geschichte sind die Treiber für seinen Schaffensprozess.

„Ich nehme Momente wahr, bin Meister im Improvisieren“
Punky, immer schon ein Pottkind und 2009 im Rahmen des Stadtumbauprojektes nach Herten gekommen, weil er damals wie auch heute fest an das kreative Potenzial der Stadt Herten glaubt, hat als Kind im Tante Emma Laden seiner Eltern mitgearbeitet und später eine Ausbildung zum Maschinenbauer gemacht. Das Prinzip, aus alten Sachen etwas Neues entstehen zu lassen, begleitet den Künstler sei seiner Jugend: „Ich kann gar nicht anders, ich will das genau so. Ich mag mir gar nicht vorstellen, in ein Möbelhaus zu gehen und mir irgendwas von der Stange zu bestellen. Deshalb geht mir auch dieser ganze hippe Kult um das so genannte Upcycling ein wenig auf den Zwirn. Ich mach das seit Jahr und Tag“.  

Punky, der sich „vor keinen Karren spannen lässt“ und sich „auch nicht von sich selber kreativ blockieren oder einsperren lässt“, ist ein kultureller Weltenwandler. Er fühlt sich wohl mit Punks, sowie mit Managern, einfach weil er authentisch ist, grade heraus und gnadenlos ehrlich, dabei aber nie feindlich oder respektlos. Er kenne beides, „wochenlang Tütensuppe essen oder essen gehen und nicht aufs Geld achten müssen. Und das ist schön so“.

Veranstaltung IUC

Der Künstler als Keimzelle des Hertener Kreativquartiers
Nach einer Aussage zu Anfang ein Exot, der wegen seines Aussehens im kleinen Herten ziemlich bestaunt wurde, sieht er sich heute als Teil eines immer bunter werdenden Umfeldes. „Es gibt schon Stimmen, die mich fragen, wo denn hier bitte das Kreativquartier sei. Wer sich aber die Mühe macht, hinzusehen, der entdeckt sehr wohl in der Summe ein Kreativquartier mit Orten und Machern wie den Waldrittern, Art 62 oder der Ludothek“, so der überzeugte Ruhrgebietler. 

Neben eigenen Projekten von Punky Bahr, viele davon auch gemeinsam mit seiner Frau, wie beispielsweise die Organisation der Hertener Love Parade oder der zwei Volk-Festivals, gibt es auch etliche Berührungspunkte zur etablierten Kulturstätte Zeche Ewald, wie etwa bei der Extraschicht, bei der Punky in 2015 zum dritten Mal mitwirken wird. Dennoch betont der Künstler die Wichtigkeit der aus sich selbst heraus gewachsenen Kreativprojekte im Quartier: „Wenn Kunst zu elitär wird und die Leute vor Ort in Prestigetempel rennen sollen, um sich dort Kunst erklären zu lassen, erreicht man damit Viele nicht. Ich sehe mich und meine Arbeit in vielerlei Hinsicht als Erklärungsbrücke. Ich habe hier vor Ort definitiv eine Botschafterrolle und die habe ich auch gerne, ohne dabei aber gleich Everybody´s Darling zu sein“. 

Ein persönlicher Kontakt zu Punky Bahr ist über seine Website http://www.der-punky.de möglich.

Autorin & Fotos: Jennifer Eletr

 

 

Collage Kunstgebiete Ruhr


Schrottimmobilien oder Möglichkeitsräume - von Bastelhäusern und Nadelstichen gegen Leerstände

Die Landesinitiative Stadtbaukultur NRW will den Umgang mit Leerständen in den Städten verändern und lud ins ehemalige Museum Ostwall in Dortmund, selbst ein seit 150 Jahren immer wieder umgenutzter und umgebauter „Second Hand Space“. Es sollte um das holländische Stadtumbauprojekt Klushuizen und die Übertragung des Modells aufs Ruhrgebiet gehen. 

Veranstaltung IUC

„Von Schrottimmobilien zu Möglichkeitsräumen“ – mit diesem Titel wollte man auch gegen das Diktum der Moderne wehren, dass das Neue immer besser ist als das Alte. Tim Rieniets von Stadtbaukultur NRW hält Umbau und Umgestaltung tatsächlich für das „zukünftigere“ Bauen, gerade mit Blick auf die demographische Entwicklung vieler Städte. 

Gleich am Anfang macht eine Teilnehmerin klar: „Schrott ist eine unglückliche Formulierung, das klingt wie die Vorstufe von Tod.“ Es soll auf dieser Zusammenkunft aber nicht um Schrottplätze für Häuser gehen, sondern um „in Leerstand gefallene“ Immobilien, die als „Möglichkeitsräume“ zu verstehen sind – auch wenn diese Formulierung wie das US-amerikanische „zwischen zwei Jobs“ für „arbeitslos“ klingt.  

Aber wie kommt es eigentlich zu Leerstand oder am Ende einer nur noch zum Abriss geeigneten Schrottimmobilie? Recht schnell: Eigentümer können Investitionen nicht mehr aufbringen oder wollen dies nicht mehr. Das Gebäude wird allmählich „entwohnt“, steht irgendwann ganz leer und verfällt. Allein durch die Existenz des Leerstands werden die Nachbarschaft, das Image des Viertels und sogar die Immobilienpreise der Nachbarhäuser in Mitleidenschaft gezogen. 

Veranstaltung IUC

Dortmunds Weg der „Nadelstiche“

Bestimmte Regionen im Ruhrgebiet und dabei bestimmte Quartiere in den Städten sind von Leerständen besonders betroffen. Allerdings, und das war eine überraschende Information im Vortrag von Thomas Böhm, Amt für Wohnen und Stadterneuerung in Dortmund: in Dortmund gibt es kaum echte Schrottimmobilien (nur etwa zehn). Überhaupt identifiziert Böhm in der Stadt mit fast 600.000 Einwohnern 169 problematische Gebäude, davon 100 in der Nordstadt. Problematisch heißt: mit Baumängeln, Leerständen, vor einiger Zeit auch ausbeuterischen Matratzenwohnungen mit Müllproblemen usw. 

Weil es keine Verpflichtung des Besitzers für den Erhalt seiner Immobilie jenseits von Sicherheitsaspekten gibt, müssen die Kommunen vielstimmig und kreativ reagieren. Und Dortmund und einige andere Städte tun dies gerade sehr erfolgreich mit Methoden und Mitteln aus der Schublade: nämlich zum einen mit Stadtentwicklungsfonds und längst vorhandenen Vorschriften noch aus den 70er Jahren des Stadtumbaus. Ordnungspolitisch machen mit Nadelstichen Grünflächenamt, Ordnungsamt, Bauamt und Sozialamt gemeinsam Druck auf den Eigentümer - in Kooperation mit Polizei, dem Entsorgungsunternehmen, dem Gas-&Stromunternehmen der Stadt, dem Finanzamt und Jobcenter.

Veranstaltung IUC

Das Rotterdamer Bastelmodell

Dieser Weg macht viel Arbeit. Und die Frage ist, was passiert danach? Kann ein Viertel nachhaltig verändert werden? In Rotterdam kam man nach einigen Fehlversuchen auf eine ganz neue Idee: die Klushuizen (Bastelhäuser), ein Modell, das Prof.Dr. Spars vorstellte und im Auftrag des Landes auch auf seine Anwendbarkeit in NRW prüfte.

Vor allem in Problemquartieren wo Vandalismus, verfallende Gebäude, Kriminalität und Prostitution um sich griffen, folgte Rotterdam zunächst einer simplen und scheinbar schlüssigen Idee. Sie Stadt kaufte Immobilien auf, saniert sie und wollte sie wieder an Investoren verkaufen – aber das funktionierte nicht. Der Markt wollte diese Immobilien nicht - nicht zu den Preisen und nicht in diesem Umfeld. 
So kam es zum Umdenken. 2006/7 beginnt der Umbau des Wallisblock in Rotterdam - 169 Wohnungen und Häuser. Neu ist: Die Stadt kauft zwar die Immobilien auch weiterhin auf, gibt sie aber für einen günstigen Preis (oft 1 Euro) an Einzelinteressenten, nicht an Immobilienunternehmen weiter – und zwar vor der Sanierung. Die Neueigentümer können und sollen in Eigenregie ihre eigenen Vorstellungen entwickeln und das Haus ihren Bedürfnissen entsprechend umbauen, werden dabei von der Stadt bei Investitionen, Finanzierung und Sanierung begleitet und beraten. Es gibt eine vertragliche Verpflichtung beim Kauf, die Sanierung auch durchzuführen und dort mindestens drei Jahre zu wohnen. So wird Spekulation, auch mit möglichen Sanktionen, verhindert.

Der Mix macht’s möglich
So wurde schon die Wohnstandortentscheidung der Käufer ein Gewinn für das Viertel. Denn als Zielgruppe hatte man die so genannte „Creative Middle Class“ plus junge Familien ansprechen wollen. Die kamen zwar auch, aber außerdem ein heterogener Mix weiterer Käufer. Es entstand allmählich eine andere, frische, moderne, abwechslungsreiche Architektur mit innovativen Wohnformen von Mehrfamilien-WGs bis zum Ein-Personen-Design-Haus. Gesteuert von der Stadt wurden zusammenhängende Gebäudeensembles entwickelt, um eine kritische Masse zu bilden, die das Viertel als Ganzes aufwertete. Bald begannen auch anderes Städte das Modell zu übernehmen. Eine Imageverbesserung und ökonomische Aufwertung folgte und führte mit der Zeit auch zu positiven Effekte auf die Immobilienwerte der umliegenden Gebäude und Straßenzüge. 

Veranstaltung IUC

Es gibt ein großes Aber: Die Stadt macht rechnerisch Verlust und muss im Schnitt 30.000 € für eine Wohnung zuschießen. Dieses unrentable Modell muss durch Fördermittel abgefedert werden. Bei durchschnittlichen Investitionskosten von 1407 Euro pro Quadratmeter ist Kluzhuizen ein Modell, das für die Pleitestädte an der Ruhr schwer durchführbar erscheint. Auch wenn es auf lang Sicht an anderer Stelle Kosten sparen mag. Wenn es gelingt.

Bastelhäuser Ruhr unwahrscheinlich
Im Ruhrgebiet muss streng nach schrumpfenden und wachsenden Märkten unterschieden werden. Die meisten NRW Städte schrumpfen. Rotterdam hat eine ganz andere urbane Dynamik als zum Beispiel Gelsenkirchen. 

Im Ruhrgebiet müsste aber, wie in Rotterdam, trotzdem eine kritische Masse erreicht werden und zunächst deutliche Investitionen durch die Städte getätigt werden; erst dann kommen auch neue Impulse und neue Bewohner, die einen Stadtteil allmählich positiv verändern. Und noch ein deutscher Haken: Die Renovierungskosten sind wegen baurechtlichen Vorgaben höher. Hinzu kommen strengere Vorschriften, was bauliche Veränderungen und Einheitlichkeit in einem Straßenzug betrifft – es waren aber gerade diese Freiheiten, die in Rotterdam den Charme und Reiz des Projektes ausmachten. 

Es gibt zwar inzwischen eine Weiterentwicklung der Klushuizen als Mietmodell, zum Beispiel Leipzigs Wächterhäuser: Die Immobilie bleibt bei ausbleibenden Käufern in der Hand der Stadt, es folgt Sanierung durch den Mieter und dann eine sehr günstige Miete. Mischformen dieses Modells mit den Klushuizen, um auf die spezifische Situation in den Ruhrstädten zu reagieren, könnten der Weg sein. 

Weil Sprache das Bewusstsein formt, bleibt die Aussage richtig, nicht von Schrottimmobilien, sondern von Möglichkeitsräumen zu sprechen. Nur müssen die Möglichkeiten nun auch genutzt werden.

Autor&Fotos: Christian Caravante außer Bild 5: Screenshot HP StadtBauKultur

Bildcollage zu KQR-Thema on tour

Alltagsgeschichten: Team Kreativ.Quartiere Ruhr on Tour...

Wie entwickelt sich Kultur und Kreativität innerhalb des Metropolenraumes? Inwieweit bestimmen auch weitläufige Beobachtungen zur urbanen Entwicklung Aktivitäten von Stadtmachern und Künstlern vor Ort? Ist Nachhaltigkeit eine Floskel oder tatsächlicher Handlungsrahmen auch von und für Kreative? Wie viel Lern- und Spielraum räumen wir für Experimente und Projekte ein, die sich bunt und/oder kritisch mit auch städtischen Sozial- und Raumstrukturen auseinander setzen und Anstöße für neue Zukunftsszenarien geben? Inwieweit kann man Aktivitäten unterstützen, die hiesigen Kreativen und KünstlerInnen eine Verortung bieten und zusammenführen? Dieses sind nur einige Fragen im Rahmen unseres Arbeitsalltages. Und sie zeigen, dass man diese Themen nicht nur vom Schreibtisch aus bearbeiten kann. Von daher ist unser Team kontinuierlich unterwegs: 

Zuletzt waren wir auf Einladung der Kreativen Klasse als Panel-Partner zu Gast auf dem Heldenmarkt in der Jahrhunderthalle Bochum, begleiteten wir Quartiersbetreuerin Claudia Heinrichs und Trashart-Künstler Punky Bahr auf einem Kunstspaziergang durch das Kreativ.Quartier Herten.Süd, besichtigten die neuen Räumlichkeiten der Tanzcompanie Renegade im Prinz.Regent Quartier und trafen wir uns mit Akteuren, Stadtvertretern und universitären Ansprechpartnern zu einem Konzeptionsgespräch über ein mögliches „Zentrum für Urbane Kunst“, diskutierten mit den Machern des n.a.t.u.r.-Festival über deren Zukunftsperspektiven und berieten uns mit den Kreativunternehmern von post_1 in Oberhausen über den möglichen unsicheren Verbleib in „ihrer“ Immobilie. Soweit ein nur kleiner Auszug – noch vor Ostern werden wir mal wieder in Hagen Wehringhausen präsent sein und uns am Stammtisch in Bochum mit den neuesten Fragenstellungen der Freien Szene in Bochum vertraut machen. Und wir freuen uns auch schon auf die anstehenden Besuche in der Projektfabrik im Wiesenviertel Witten und der Alten Pantoffelfabrik in der Nähe des Bochumer Stadiums, und, und, und…

Soweit ein kleiner Einblick in unsere Arbeit - wir beteiligen uns und arbeiten daran, dass Ideen tatsächlich realisierbar und auch sichtbar werden; weil die große Kraft des Ruhrgebiets aus seiner Vielfalt besteht; und die (!), die besteht nicht nur aus den diversen tollen Bauwerken der Industriekultur, sondern geht aus den vielen kleinen Projekten, den eigentlichen Perlen, hervor.

Text und Fotos (C) Stefanie Rogg

 

Collage Kunstgebiete Ruhr


53 Tage Wandern durch 53 Ruhrstädte - viele Begegnungen mit Kunst im Ruhrgebiet

Das war schön. Der Künstler Stuart Nicol wanderte Ende vergangenen Jahres 53 Tage durch die Städte des Ruhrgebiets auf der Suche nach Begegnungen mit Kunst und vor allem den hier arbeitenden Künstlern. Die Aktion war Auftakt für die Webseite KUNSTGEBIET RUHR der RAG Stiftung. Dort findet man seitdem jeden Tag mehr Künstler, Werke, Orte, Geschichten und Kunstrouten durch die Region. 
Mit Stuart Nicol sprachen wir über den Ruf des Ruhrgebiets als Kunstort, über Metropolenträume und Stadtentwicklung durch Kreativität.

Veranstaltung IUC

Sie sind durch 53 Städte gelaufen um der Kunst des Ruhrgebiets und den Erzeugern dieser Kunst näher zu kommen. Hat es geklappt?
Es hat geklappt, ich hatte die Möglichkeit vielen Kunstschaffenden über die Schultern zu schauen, sie in ihren Arbeitsräumen oder Privaträumen zu besuchen und sie etwas besser kennenzulernen. Durch viele intensive Gespräche mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen habe ich ein großes Spektrum des Ruhrgebiets kennen lernen dürfen. 

Nun gibt es die wirklich gelungene Webseite Kunstgebiete Ruhr, für die Ihre Wanderung eine Art Auftakt war. Was denken Sie, mangelt es denn an Informationen über die Kunst in der Region oder einfach noch immer eher am Publikum für die Kunst?
Das stimmt, die Webseite kunstgebiet.ruhr ist wirklich sehr gut gelungen. Das Konzept der Seite ist ja so angelegt, das sie immer weiter wächst, immer neue Information über Kunst und ihre Schöpfer und auch über Orte der Kunst sammelt und veröffentlicht. Die Webseite ist eine sehr gute Alternative zu den sonstigen Vermittlern der Kunst wie Museen und beinhaltet ein großes Potential an Kooperationsmöglichkeiten. Die Frage nach dem Publikum, muss sich wohl jeder Künstler, oder auch jeder Museumsmitarbeiter immer wieder aufs neue Stellen. Wie können wir die Menschen mit dem was wir zeigen erreichen. 

Auch wenn ein Tag pro Stadt natürlich zu wenig für einen Überblick über die Region ist, hatten sie trotzdem das Gefühl, dass sich an manchen Orten Kunst oder Künstler ballen und so mit der Zeit noch mehr Kreative anziehen – Stichwort Kreativquartier?
Ich bin natürlich keiner Stadt gerecht geworden, genauso wie ich keinem Künstler gerecht geworden bin, dafür war die Zeit zu knapp. Dass wir das so konsequent durchgezogen haben, jede Stadt nur einen Tag, darüber bin ich trotzdem sehr froh. So gab es kein unnötiges Auf- oder Abwerten der einzelnen Städte.
Kreativquartiere sind einen natürliche Form von Kooperationsorten. Ich habe einige kennen gelernt, Dinslaken, Dorsten, Herne, um nur einige zu nennen. An diesen Orten ist es für viele Künstler einfacher durch den unmittelbaren Austausch mit anderen Künstlern ihre Arbeit zu schaffen. Sie dürfen nur nicht den Fehler begehen zu einer „Insel  des Kreativquartiers“ zu werden und sich selbst zu genügen. Sie müssen Kontaktmöglichkeiten nach außen aktiv gestalten.

Veranstaltung IUC

Es gibt ja seit der Kulturhauptstadt 2010 die Debatte, ob Kunst und Kultur zur Stadtentwicklung oder indirekt gar wirtschaftlichen Entwicklung einer Region beitragen können. Was ist da ihre Meinung?
Meine Meinung ist, dass Kunst und Kultur die Zukunft des Ruhrgebiets ist, bzw. sein muss.  

Es wird von Seiten der Kreativen oft mangelnde Unterstützung beklagt. Was haben sie da bei ihrer Wanderung gehört und was ist ihre eigene Meinung – wie viel Hilfe braucht die Kunst und vor allem, welche Kunst braucht Hilfe und vom wem?
Unterstützt wird die Kunst schon, z.B. durch die RAG Stiftung aber auch durch einige andere Institutionen. Doch habe ich auf der Route53 auch Stimmen vernommen, die beklagten, dass es zu wenig Unterstützung gebe. Wie viel die Kunst braucht? Gute Frage! So ganz platt würde ich sagen, jede die sie bekommen kann, aber wer, wie, wann von wem? Das kann ich nicht pauschal beantworten, dafür ist das Thema zu groß. 

Sie haben sicher Entdeckungen gemacht, die selbst Kulturinteressierte aus dem Ruhrgebiet oft nicht kennen: Welches waren denn ihre drei „Hidden Highlights“?
Ich habe bis jetzt immer vermieden über so genannte „Highlights“ zu sprechen, da für mich die ganze Tour ein Highlight war.  Höhepunkte waren die vielen oft sehr persönlichen Gespräche mit den Menschen, die ich getroffen habe. Einerseits Menschen, die mit viel Engagement die Zwillingsdampfmaschinenhalle in  Dorsten  gerettet haben oder jemand wie der Architekt Werner Ruhnau, der das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier entworfen hat und mit Yves Klein und anderen Größen der Kunst gearbeitet hat. Ruhnau ist 93 - das war schon ein Erlebnis.

Sie sind selbst Künstler: Wie nehmen Sie die Kreativität und Kunst im Ruhrgebiet wahr? Vergleicht man klammheimlich das Geschehen hier doch mal mit Metropolen wie Berlin oder Hamburg oder Wien, wo sie jetzt leben und ist, nun ja, ernüchtert?
Das Ruhrgebiet müsste sich als Kunstmetropole noch mehr selbst behaupten und über Stadtgrenzen hinweg vernetzen. Ich glaube, dass sich über kunstgebiet.ruhr Künstler kennen lernen könnten, die bis jetzt noch keine Ahnung voneinander hatten. Die Qualität der Kunst  hier im Ruhrgebiet kann mit anderen Metropolen gut mithalten. Viele meiner Gesprächspartner hatten aber den Eindruck, im Ruhrgebiet sei es schwerer, als Künstler akzeptiert zu werden als in Köln, Düsseldorf oder Berlin. Schon das Selbstverständnis, Künstler zu sein, muss man sich hier schwer erarbeiten. 
Was aber auch Realität hier ist, ist der Satz „Was soll der Quatsch?“, der leider sehr oft von Leuten zu hören ist, die sich nicht viel mit Kunst beschäftigen - vielleicht ja, weil das Ruhrgebiet doch noch sehr von der Arbeiterkultur geprägt ist. 

Autor: Christian Caravante; Fotos: (c) Stuart Nicol

 

 

Foto Musuemsschiff (C) Birgit Heyne

Café Kaldi – Kultort in Ruhrort

Duisburg-Ruhrort ist schon allein wegen seiner geographischen Besonderheit eine Perle der Region: Ruhrort ist eine Insel nördlich des Zusammenflusses von Rhein und Ruhr, zu erreichen über die Friedrich-Ebert-Brücke mit ihren zwei imposanten Brückentürmen von Anfang 1900. Ruhrort ist im Wandel. Die neue, künstlerisch-kulturelle Ausrichtung ist im Quartier spürbar.

Die Betreiber des Cafe Kaldi

Neben dem alljährlichen Hafenfest im August können Besucher beim Spaziergang durch die gemütlichen Altstadtgassen ganzjährig aus dem Angebot der Kreativen schöpfen und sich in Ateliers, Ausstellungshäusern und Performancestätten umsehen. Den Blick offen nach vorne gerichtet, bleibt das Viertel dennoch seiner Vergangenheit treu und so weht nach wie vor das rau-charmante Flair des früheren Hafenviertels durch die Straßen. Das Café Kaldi ist dabei ein Ort, wo diese Mischung besonders deutlich wird.

Früher Anker als Name, heute Anker im Quartier

Früher unter dem Kneipennamen „Zum Anker“ bekannt und als Stammkneipe und Drehort des beliebten Tatort-Kommissars Schimanski (gespielt von Götz George) regelrecht zu Ruhm gekommen, bekam das Lokal vor circa vier Jahren einen neuen konzeptionellen Anstrich durch die zwei vorherigen Besitzer, die nach wie vor in unmittelbarer Nachbarschaft einen Kiosk betreiben. Seit Dezember 2014 ist die elegant-gemütliche Lokalität in neuem Besitz und wird von den Eheleuten Anika Huhn und Tjardo Harders betrieben. Harders erinnert sich schmunzelnd an die Geschichte, wie die beiden mehr oder weniger über Nacht zu ihrem gastronomischen Betrieb gelangten: „Ich komme ursprünglich aus der Weinbranche, habe jahrelang gehobene Weine aus Rhein-Hessen hier in der Region bekannt gemacht. Zusätzlich habe ich Food-Fotografie betrieben, wobei ich auf der Suche nach einem dafür passenden Holz-Tablett  an einem Flohmarktstand in Ruhrort die zwei Vorbesitzerinnen traf. Wir sind ins Gespräch gekommen und als das Tablett den Besitzer wechselte, hat man uns recht spontan das Café zum Tablett gleich mit angeboten. Nach 48 Stunden stand für uns die Entscheidung fest“. 

Saitenhiebe

Cafébetrieb mit Ruhrcharme und exzellentem Wein

Vor vier Jahren hatten die zwei Café-Betreiber bereits an eine erste geschäftliche Zusammenarbeit gedacht. Eine Vinothek in Straelen am Niederrhein sollte es werden. Die Idee wurde wegen des Saisongeschäft-Risikos wieder verworfen, blieb aber in den Köpfen der zwei sympathischen Jungunternehmer haften. Wein steht nach wie vor sehr im Vordergrund. Der Erfolg gibt ihm Recht: „Was ich hier an Leergut weg schleppe, verdoppelt sich von der Menge her monatlich. Die Gäste wissen die Expertise und Beratung zu schätzen, die ich aufgrund meiner Erfahrung in dem Bereich anbieten kann“. Auf der Speisekarte stehen ausschließlich frische und selbstgekochte Speisen mit wechselndem Mittagstisch. Vom Ruhrort-Malocher bis hin zum Manager sitzt man im Café Kaldi entspannt an den langen Holztischen und lässt es sich schmecken. Dabei bleibt der Blick bisweilen an einem der verschiedenen Schimanski-Objekte hängen, die das Café schmücken. So auch Schimis Original-Jacke, aus der sogar eine Packung von Paroli-Bonbons hervorlugt. Huhn kommentiert den Tatort-Kult mit den Worten: „Als fest stand, dass wir das Café Kaldi übernehmen, haben wir als eine unserer ersten Amtshandlungen alle Schimanski-Folgen angesehen. Ich will mich ja schließlich mit den Fans, die hier doch immer mal wieder vorbei schauen, auf Augenhöhe unterhalten können.“ 

Veranstaltung IUC

Alte Optik neues Konzept

Alles in Ruhrort und auch im Café Kaldi wirkt familiär und vernetzt. Die Kulturschaffenden tauschen sich aus, empfehlen sich gegenseitig weiter, helfen einander. Auch mit den zwei Vorbesitzerinnen verbindet das neue Kaldi-Team eine inzwischen gewachsene Freundschaft. Dazu Harders: „Irgendwie kann man gar nicht anders, als sich mit diesem Ort verbunden zu fühlen. Das Leben hier ist wirklich wie auf einer kleinen Insel. Es geht hier teils dörflicher zu als in meinem Heimatort im Sauerland.“ Während sich während der Kernarbeitszeiten die Menschendichte im Viertel verdoppelt, ist es aber weiterhin schwierig, Besucher aus der Stadt für einen privaten Abstecher nach Ruhrort zu locken. „Hier gibt es noch so viel ungenutztes Potenzial was die Nutzung öffentlicher Räumen angeht. Ich könnte mir beispielsweise eine viel aktivere Einbindung des Marktplatzes in das Kunst-, und Kulturgeschehen vorstellen“, so die gelernte Tanzpädagogin Huhn. Bis das geschieht, hat das Café Kaldi allerdings selber einiges an spannenden Ideen und Projekten im Angebot. Mit den „Saitenhieben“, einer monatlichen Akustikreihe (am zweiten Donnerstag jeden Monat ab März 2015) zum Beispiel. Das Kulturprogramm wird um Lesungen ergänzt. Unterstützung bekommt Huhn hierbei von ihrem Bruder, der als Veranstaltungskaufmann tätig ist. „Wir brennen für unser Lokal, die Gäste, die Ideen und unsere Zukunft hier. Wäre das nicht der Fall, würden wir die wöchentlichen Öffnungszeiten von insgesamt mindestens 57 Stunden plus der Aufgaben, die in die Zeit davor oder danach fallen, nicht mit so viel Freude und Aufregung wegstecken wie jetzt“, kommentiert das Gastropaar die neue Lebensaufgabe.

Autorin&Fotos: Jennifer Eletr

Café Kaldi
König-Friedrich-Wilhelm-Str. 18
47119 Duisburg

Tel.: 0203-518 6222
info@remove-this.cafe-kaldi.de

www.cafe-kaldi.de
 

Öffnungszeiten:
Mo-Fr: 12:00-21:00 Uhr / Di: Ruhetag
Sa: 12:00-23:00 Uhr / So: 11:00-18:00 Uhr
  

Foto Bochumer Straße Gelsenkirchen Ückendorf (c) Stefanie Rogg

Die Insane Urban Cowboys (IUC) aus Gelsenkirchen bringen Künstler, Kreative und die Bochumer Straße zusammen

Aus Gelsenkirchen kommt in letzter Zeit ein neuer Sound: Es gibt neue Ideen, neue Player und neue Gelder. Im Interview mit Roman Pilgrim und Roman Milenski von den Insane Urban Cowboys in Gelsenkirchen Ückendorf. IUC ist ein junges Netzwerk von Kreativen im Quartier. Wir sprachen mit den beiden über die Förderung von Künstlern und Kreatviquartiere allgemein, die Kunstszene im Ruhrgebiet und Stadtentwicklung durch Kultur. 

Kreativ.Quartiere Ruhr: Insane Urban Cowboys ist ein Netzwerk aus Kreativen in Gelsenkirchen. Wer macht mit und was sind so die Ideen dahinter?

Roman Pilgrim: Hinter den Insane Urban Cowboys stecken Künstlerinnen und Künstler, Fotografen, Modemacher, aber auch Journalisten oder Menschen die auf kreative Weise versuchen eine Beitrag zur Lösung der wirtschaftlichen und städtebaulichen Probleme vor allem in Ückendorf zu leisten. Die meisten von Ihnen leben oder arbeiten im Quartier und sind daran interessiert, dass man zusammen zukunftsfähige Strategien für die Neuorientierung des Stadtteils findet  und eine Art Aufbruchsstimmung zelebriert. Ziel ist es hier etwas zu verändern, bzw. auch sich gegenseitig im Netzwerk zu helfen und zu unterstützen. Das bedeutet auch, dass wir versuchen gemeinsame Projekte zu realisieren, um als Kollektiv mehr Reichweite für jeden Einzelnen zu erlangen. Für ganze Stadt ist es wichtig, dass sich etwas tut und so vernetzen wir uns mit all den Menschen, die Bock haben hier etwas zu starten. Das gilt auch für Kreative, die nicht aus Gelsenkirchen kommen. Wir wollen sie mit der Stimmung und den Möglichkeiten überzeugen, Gelsenkirchen, insbesondere Ückendorf mit anderen Augen zu sehen. 

Ihr seid urbane Cowboys. Was ist denn die besonders urbane Atmosphäre im Viertel? Anders gefragt, was unterscheidet Ückendorf von anderen Vierteln in der Stadt?

Die bekannteste Straße in Ückendorf ist sicherlich die Bochumer Straße. Als ehemalige Gelsenkirchener Einkaufsmeile, steht sie jetzt oft als negatives Beispiel für die Folgen des Strukturwandels. Viele Altbauten, die leer stehen, prägen den Straßenzug und lassen eigentlich die Vielfalt der Gegend nicht wirklich vermuten. Oft hört man die üblichen Vorurteile, die wir uns selber zu Nutzen machen. Wenn wir Führungen durch das Quartier machen, sind die  Menschen nicht selten überrascht, was für tolle Ecken, Gassen und Höfe sich hinter den historischen Gebäuden befinden. Und eben das ist auch das Tolle hier. Durch die Historie bekommen die Orte eine Art Magie, die einfach nur wieder entdeckt werden muss. Bestes Beispiel ist dafür die Kutschenwerkstatt, die verborgen in einem Hinterhof liegt und inzwischen viele Menschen begeistert. Positiv für das Viertel ist auch die gute Anbindung zum Bahnhof und zur Autobahn. Man kommt mit der Bahn nach Bochum, der Zubringer der A40 führt am Quartier vorbei und Buslinien existieren ebenfalls. Besser geht’s fast gar nicht. Wir haben trotz urbanen Flairs auch viele grüne Oasen, wie den von Von-Wedelstaedt-Park oder die Halde mit der Himmelstreppe. Irgendwie passt hier alles zusammen und das sollte man zu schätzen wissen und das tun wir.

Veranstaltung IUC

Wie nehmen Sie die Kreativität und Kunst im Ruhrgebiet wahr? Vergleicht man klammheimlich das Geschehen hier doch mal mit Metropolen wie Berlin oder Hamburg und ist, nun ja, ernüchtert? 

Klar schaut man nach Berlin oder Hamburg, aber mittlerweile ist das Geschehen dort auch konventioneller geworden. Aber die Entwicklungen dort zeigen ja eben auch, dass es möglich ist etwas zu verändern. Wir sind erst am Anfang und sind überzeugt, dass wenn man am Ball bleibt diese Entwicklung fortführen kann. Zudem liegt der große Unterschied in der Struktur des Ruhrgebietes. Das Ruhrgebiet erfindet sich neu und das nicht nur in Gelsenkirchen. Wenn in jeder Stadt nur ein bisschen Kreativität und Kunst gelebt wird, muss nicht jeden kleinere Stadt für sich selbst stehen, sondern als kleines Bauteil im Kollektiv mit anderen Ruhrgebietsstädten. Das Konglomerat Ruhrgebiet macht uns dann im Bereich Kunst und Kultur sicherlich konkurrenzfähig gegenüben Metropolen wie Hamburg oder Berlin.   

Ückendorf ist ja schon länger in Entwicklung – die Pioniere waren damals Peter Liedtke von Pixelprojekt, der Wissenschaftspark ist auch da, Urbane Künste haben ihr Büro dort. Sie sind die jüngere Generation nun, die im Viertel aktiv wird. Wo sehen Sie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Akteure im Viertel? 

Ich habe selbst mein Atelier in der Bergmannstraße und bin auch Mitglied der Galeriemeile Gelsenkirchen. Das ist für mich kein Widerspruch. Die IUC stehen nicht unbedingt für einen hochkulturellen Ansatz, sondern eher für Underground und Popkultur. In der Galeriemeile sind eher etablierte Künstler und Künstlerinnen, von denen man auch wiederrum lernen kann. Wir verstehen uns als Ergänzung, auch zu den anderen Institutionen. Wir wollen junge Kreative nach Ückendorf holen, die hier aber auch ihren Lebensunterhalt verdienen können. Durch staatliche Kulturförderungen werden ggf. Kreative in Städte gelockt, die aber irgendwann wenn das Geld fehlt wieder woanders hinziehen. Obwohl wir selbst Förderung im Bereich Kunst und Kultur als wichtig erachten, wollen wir zeitgleich dafür sorgen, etwas unabhängiger und freier zu sein. Denn jede Förderung schränkt den Künstler irgendwo ein. 

Wollen sie denn den Stadtraum rund um die Bochumer Straße durch Kultur verändern? Und wenn ja, wohin?

Wir geben wie andere im Viertel nur Impulse und weisen die Menschen auf die positiven Seiten hin. Wir alleine können vermutlich nicht alles ändern. Im Prinzip ist da jeder Bewohner und jede Bewohnerin in Ückendorf gefragt. Die Einstellung in den Köpfen der Menschen muss sich ändern.  Auch die historischen Orte und die Geschichten aus der Vergangenheit müssen gepflegt und weitergetragen werden. Das Zusammenleben mit Menschen aus verschiedenen Kulturen, sehen wir als positiven Aspekt. Wir leben hier alle zusammen und jeder profitiert davon, wenn er die Möglichkeit hat, seine Lebensmittel im russischen Supermarkt um die Ecke einzukaufen oder einen Kaffee beim Italiener seines Vertrauens zu trinken. Hier ist Platz für jeden und wenn das gelebt wird, dann ändert sich der Stadtraum mit der Hilfe jedes Einzelnen.

Innenhof GE (Foto IUC)

Es gibt ja seit der Kulturhauptstadt 2010 die Debatte, ob Kunst und Kultur zur Stadtentwicklung oder indirekt gar wirtschaftlichen Entwicklung einer Region beitragen können. Was ist da ihre Meinung?

Roman Milenski: In erster Linie machen Kunst und Kultur einen Ort lebenswert und tragen somit essentiell zur Stadtentwicklung bei. Aber natürlich können nicht 5 Millionen Menschen im Ruhrgebiet in Zukunft in der „Kreativwirtschaft“ Arbeit finden, das funktioniert auch in Berlin nicht. Einzelne, die auch zu kleinen Arbeitgebern werden können, erhalten dadurch aber die Chance ihr Leben zu bestreiten. Und das Potential darf man nicht links liegen lassen. Vor allem ist dieser Wirtschaftszweig ein „Zulieferer“ für andere Branchen, die solche Leistungen benötigen und als Faktor bei Ansiedelungen berücksichtigen. 

Es wird von Seiten der Kreativen oft mangelnde Unterstützung beklagt. Was ist ihre eigene Meinung und was hören sie da im Netzwerk? Und: Wie viel Hilfe braucht die Kunst und vor allem, welche Kunst braucht Hilfe und vom wem?

Von Seiten der Politik und Verwaltung sollten vor allem bürokratische Hürden abgebaut  und Verfahren wie z.B. bei Nutzungsänderungen in leerstehenden Gebäuden vereinfach  werden. Das kostet kein Geld, sondern nur Entscheidungswillen, den die Kommunalverwaltung selbst in der Hand hat. Bei uns im Netzwerk beklagen sich öfters Leute über Anträge hier, Auflagen da oder im Extremfall, dass eine Geschäftsidee oder ein Projekt angeblich gar nicht möglich sei. Warum auch immer. Wir wollen nicht mehr hören, dass etwas prinzipiell nicht geht, weil „das halt so ist“ oder aufgrund irgendwelcher, unsinniger Gesetze. Man sollte miteinander reden und gemeinsam praktikable Wege finden und nicht ständig mit offensichtlich in Beton gegossenen Masterplänen herumwedeln. Wir haben oft den Eindruck, in einer Welt unproduktiver Fiktionen zu leben, die mit den täglichen Lebensrealitäten im Quartier nur ansatzweise übereinstimmen. Pläne sollten uns eher die Möglichkeit geben, unsere Ideale mit der Wirklichkeit zu vergleichen und daraus laufend Handlungsoptionen abzuleiten. Das heißt, permanente Veränderung, die offensichtliche viele Akteure überfordert. Da ist  erster Linie die Politik am Zug. 

Im Idealfall ist das die einzige Hilfe, die die Kunst braucht. Wenn es aber um finanzielle Förderung geht, wird in Deutschland von der öffentlichen Hand dazu geneigt, immer nur die üblichen Verdächtigen zu unterstützen – Theater, Opern, Philharmonien, Museen. Abseits von Mainstream und Hochkultur kommen viele zu kurz und vor allem Leute, die nicht nur selbstreferenziell wirken wollen, sondern versuchen etwas zu entwickeln. Wobei grundsätzlich die Frage ist, ob private Investoren, die auch selbst an ein Konzept glauben, vielleicht manchmal die bessere Lösung wären. Arme Städte, die kein Geld haben und selbst auf Fördergelder für Projekte angewiesen sind, können Künstler ggf. nur eine Zeit lang unterstützen. Dann muss nur der Hahn zugedreht werden und es entstehen existenzbedrohliche Situationen, weil geplante Projekte nicht mehr durchgeführt werden können.

Das Förderprogramm der Kreativ.Quartiere unterstützt ja finanziell Kunst und Kulturprojekte, die in Kooperation mit der Kommune den Stadtraum verändern wollen. Ist das Förderprogramm bekannt und wie stehen Sie zu dem „integrativen“ Ansatz der Stadtentwicklung?

Temporäre Projekte sind wichtig. Sie schaffen Aufmerksamkeit, sprich neue Interessenten für das Viertel. Wir wünschten uns aber auch einmal Ansätze, die mit den Geldern direkt versuchen eine eventuelle Nachhaltigkeit zu erzielen. Viel dreht sich ja ganz banal um finanzielle Aspekte wie Miete, Renovierungskosten etc., die sowohl Kreative für eine Ansiedlung, als auch die Stadt interessieren. Warum also nicht zum Beispiel direkt die Beseitigung einiger Leerstände in einem Pilotprojekt mit den Förderprogrammen angehen? Immobilien anmieten, renovieren, Interessierte mit einem vielversprechenden Plan dort für einen gewissen Zeitraum kostenfrei ansiedeln lassen und dann mal sehen. Das wäre ja auch ganz im Sinne des von allen übergeordneten, angepeilten Ziels der Revitalisierung der Quartiere.

Interview: Christian Caravante

 

Foto kitev (c) Vladimir Wegener

kitev (Kunst im Turm e.V.) in Oberhausen: Turmgeschichten - Kunst und Kultur als Mittel auch der Stadtentwicklung

In Zusammenarbeit mit anderen Kreativen der Stadt und aus ganz Europa arbeitet kitev (Kunst im Turm e.V.) an der Aufwertung des Quartiers zu einem lebendigen Ort – durch Kunst und Kultur. Im Turm am Bahnhof finden nach einem weitgehend selbstgestemmten Umbau Veranstaltungen und Workshops von Kreativen aus ganz Europa statt, er ist außerdem temporärer Arbeitsplatz für Künstler und Projekte. Die Turm-Eröffnung und ein weiteres Projekt am Saporishja-Platz waren 2013 Teilnehmer des Förderprogramms Kreativ.Quartiere Ruhr.

Fotos zu kitev (c) Vladimir Wegener

„Der Turm ist ein Symbol: Ein durchweg positives Beispiel für die ganze Region. Wir bekommen sehr viele Fragen, wie wir das realisiert haben, finanziell, organisatorisch und in der Kooperation mit der Stadt“, erzählt Christoph Stark einer der Initiatoren hinter kitev. Statischer als ein Turm geht es kaum, mag man zunächst denken, aber eine Trutzburg der Kunst ist kitev so gar nicht. Die Ideen der Gruppe sind auf Mobilität und Veränderung angelegt, und das Netzwerk der beiden Hauptakteure Christoph Stark und  Agnieszka Wnuczak ist in ganz Europa verzweigt und höchst lebendig. Es gibt wohl kein besseres Symbol für ihr Tun, als auch die 15 Jahre lang still stehenden Turmuhren wieder in Betrieb zu nehmen. Die neue Zeit für Oberhausen soll endlich beginnen.

Auf die Frage, wie die Arbeit für ein Kunstprojekt gelingt in einer solch klammen Kommune, die nicht gerade vor Künstlern strotzt, antworten beide einhellig: „Schwierig. Aber auch sehr gewinnbringend! Und näher an der Realität. Geringer werdende Mittel für Kultur sehen wir auch in Frankreich, Italien, Griechenland. Es geht darum, trotzdem etwas zu machen, auch wenn die Politik immer weniger handlungsfähig ist.“ 

Netzknoten 

Der Erfolg von kitev ist heute  gut zu sehen: Zum Gespräch sitzen wir in einem der drei aufwändig restaurierten Turmlofts, der kitev als Basis dient. In der Ecke steht ein Zelt, das Schlafzimmer der beiden Berliner, wenn sie in der Region arbeiten. Im Turm trifft Pop-Up auf Permanentes – auf allen Etagen. Sie bieten viel Freiraum für Ideen, dienen als Arbeitsort für Künstler und Kreative und deren projektbezogene Arbeiten in der Region oder als Raum für Veranstaltungen. Im Haus finden außerdem Workshops statt und manchmal nächtigen auch ein Dutzend Gäste aus der Ukraine oder Syrien, um sich vom Turm aus sternförmig zu Erkundungen in die Region aufzumachen. „Uns war klar, wenn es gelänge, diesen Turm direkt am Bahnhof für Kultur zu erschließen und auch anderen zu öffnen, dass dies einen großen Radius haben würde – durchaus mit Symbolkraft“, sagt Christoph Stark.

Geschichten vom Gelingen

Der Turm, seine Wiederbelebung und hoffnungsvolle Zukunft ist dabei zugleich eine wunderbare Metapher für die ganze Region. Auswärtigen wie Einheimischen liefert sie allmählich eine andere Erzählung des Ruhrgebiets. Wie ein Mosaik, Stein für Stein, ist aus der 2010 zur Kulturhauptstadt oft und von vielen wiederholten Behauptung vom ‚Wandel durch Kultur‘ in Oberhausen inzwischen ein Beleg für dieses Ansinnen entstanden:  Lebendige Kulturorte mit dem Anspruch, auch die sie umgebende Stadt miteinzubeziehen. Das Konzept von Kitev erklärt Christoph Stark: „Die kleinen Strukturen stärken und bürgerschaftliches Engagement und die vorhandenen Ressourcen nutzen, statt auf den Big Bang und den Bilbao-Effekt zu warten.“ Auf die Frage, ob Kunst, die in die Stadt quillt, denn auf Dauer etwas ändern könne, antworten beide mit einem klaren Ja. Den Oberhausenern biete die Kunst und Kreativität die Gelegenheit, ihre eigene Stadt anders zu sehen und zu erleben. 

Fotos zu kitev (c) Vladimir Wegener

kitev versteht den Turm also nicht als Trutzburg der Kunst, sondern sowohl als Teil des Bahnhofs als auch der Stadt. „Wir machen hier viele Projekte, von denen wir glauben, dass sie ein positives konstruktives Signal für die Stadt und die Region sind“, sagt Christoph Stark. Agnieszka Wnuczak ergänzt: „Unsere Projekte finden an der Schnittstelle von Architektur und Kunst statt – von Installationen, Skulpturen bis Stadtinterventionen oder Theaterperformances in der Stadt.“ Und doch verstehen die beiden den Turm gleichzeitig doch als Hort des Widerstands: „Du weißt heute an Bahnhöfen nicht mehr, wo du bist und wo du ankommst. Alles sieht gleich aus, wie eine Shopping Mall. Wir glauben, dass wir hier die Möglichkeit haben, diese bestehende Situation durch Kunst und Kultur in eine andere Richtung zu lenken.“

Die Uhr dreht sich weiter

Am liebsten würden die beiden alle Kreativen der Stadt wie auch die Leute vom benachbarten Post1 im und um den Turm konzentrieren und das Areal zu einer Art Kulturbahnhof wandeln. „Das Ganze zu einem etwas surrealen Ort im Ruhrgebiet weiterentwickeln“, sagt Christoph Stark lachend. Von Sattheit oder gar Zurücklehnen ist bei den beiden Projektmachern jedenfalls nichts zu spüren. Als nächstes soll die sechste Etage mit den zwei riesigen Betonwassertanks ausgebaut werden. Agnieszka Wnuczaks Traum ist eine Dachterrasse mit Café. Und beide planen alsbald auch eine Nutzung des großen Raums im Erdgeschoss des Turms, der gleich zu mehreren Seiten mit dem Bahnhof und dem Vorplatz in die Stadt verbunden ist. Der Turm trägt sich jedenfalls inzwischen finanziell wie als Idee selbst. 

Text (C) Christian Caravante; Fotos (C) Vladmir Wegener 

 

Bild URB-Clothing (c) Vladimir Wegener

URB Clothing in Gelsenkirchen – zwei Jung-Designerinnen mischen das Kreativ.Quartier Ückendorf und die internationale Modeszene auf

Hausnummer 74 in der Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf war einmal eine Apotheke. Das ist auch heute noch am Fassadenschriftzug und der Leuchtreklame zu erkennen. Das Ladenlokal nebenan ist immer noch ein Erotik-Geschäft, womit die Kontraste des Viertels schon recht gut sichtbar wären. Im Mai 2014 haben die Schwestern Sara (25) und Joe (21) Urbais aus Gelsenkirchen mit ihrem Modelabel URB Clothing hier Quartier bezogen - grob verputzte, dunkel gestrichene Wände, Ledercouch und Kleiderstangen mit Teilen der aktuellen Kollektion. Und hier empfangen die URB-Designerinnen Einkäufer und Presseleute aus aller Welt und von hier aus wollen sie durch ihr Unternehmen auch den Stadtteil verändern.

Fotos zu URB Clothing (c) Vladimir Wegener

Aus Gelsenkirchen in die ganze Welt 

Mit ihrem Fashiontrend, den „Melting Tights“, sorgen die beiden Schwestern nämlich für Furore auf dem internationalen Modemarkt. Vor allem in Nordamerika und Asien sind ihre mit Latex bearbeiteten Strumpfhosen, die aussehen, als würde Farbe an den Beinen herunterlaufen, ein Hit. Ob an Paris Hilton oder andere Sternchen - die Jungunternehmerinnen/Kreativen verkaufen etwas Einmaliges - und darauf haben sie sogar ein Patent. Nicht nur einflussreiche Modeblogger verbreiteten den Trend des kleinen Gelsenkirchener Labels, auch große Fashion-Magazine wie die „Vogue“ berichteten schon über die Melting Tights. Modetrend und Gelsenkirchen, das bildet eben auch PR-mäßig einen Kontrast wie gemacht für die Medien. „Wenn wir in eine Stadt wie Berlin gehen würden, wäre unser Markteinstieg allein schon wegen höherer Mietpreise und fehlendem Netzwerk sehr hoch“, meint Daniel, Manager von URB.

Der Vorteil der Provinz

Die kreative Freiheit in einer modefernen Stadt können die beiden Designerinnen nicht nur in ihrem Atelier ausleben, sondern auch draußen in den Straßen, Hinterhöfen und Immobilien der unmittelbaren Nachbarschaft. Die gilt zwar als sozialer Brennpunkt, doch gerade das macht für die Geschwister den Reiz aus, ungewöhnliche Locations mit Ausstellungen oder Events zu bespielen. „Das Coole an Ückendorf ist, dass die Fassaden zwar schäbig aussehen, doch wenn man dahinter guckt, in die Hinterhöfe geht, man immer auf interessante Orte trifft und die Menschen, die man kennenlernt sehr herzlich und offen sind“, sagt Joe. „Das Viertel hier hat einfach Potenzial - vor allem für Kreative“. Für die Zukunft wünschen sich die beiden, dass sich mehr Kreative hier ansiedeln. Mit ihrem internationalen Renommee in der Modeszene und ihrem unternehmerischem Erfolg sind die beiden URB-Schwestern Sara und Joe Urbais Beleg für die auch von ecce geteilte Annahme, dass Kunst und Kreativität Einfluss sowohl auf den Stadtraum aber eben auch die Stadtökonomie nehmen. Die beiden jungen Frauen vertreten dabei eine neue Generation von Designern und Kreativen, die zwar standortunabhängig ihr Business im Internet betreiben, aber ihr direktes Lebensumfeld - sozial und ökonomisch - verändern wollen. Kunst in die Wirtschaft verstehen sie anderesherum: Ein Unternehmen kann auch durch Kreativität und den Anspruch Einfluss zu nehmen auch das ökonomische urbane Umfeld positiv verändern. 

Zur Website: http://www.urb-clothing.com

Fotos (c) Vladimir Wegener

 

 

Bild Graffiti-Battle1 (c) Stefanie Rogg

Die Mauer muss bleiben! - 160 Meter Graffitikunst für das Unionviertel in Dortmund

Im September fand an der langen Straße in Dortmund, um Kreativ.Quartier Unionviertel, der zweite Graffiti Battle statt. Der Graffiti Battle ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Jugend-& Kulturcafé (JKC), die Urbanisten e.V. und The HangOut, einem Laden für die Szene in Dortmund. 30 junge Menschen bewiesen ihr gestalterisches Können mit der Sprühdose an einer 160 Meter Mauer Lange Straße, Ecke Kuithanstraße, entlang der S-Bahn Dortmund West. Wir sprachen mit Yvonne Johannsen & Jonas Runte von den Urbanisten. 

Was hat euch bewogen, das Battle zu veranstalten? Ging es um soziale Arbeit im Stadtraum allein?

Der Graffiti Battle ist ein Kooperationsprojekt zwischen den Urbanisten und dem JKC (Jugendamt Stadt Dortmund) und fand 2013 zum ersten Mal statt. Das JKC hat diese Veranstaltung initiiert, aber erst die Zusammenarbeit zwischen unseren Initiativen hat dieses Format letztlich hervorgebracht. Ursprünglich war es angedacht, den Battle auf Leinwänden auszutragen. Der Verein hat sich für eine Durchführung im Öffentlichen Raum eingesetzt und die Koordinierung und Kommunikation mit entsprechenden Ämtern und Partnern, das JKC hat die pädagogische Arbeit übernommen und zusammen haben wir Künstler und Kreative gestellt, die den Battle fachlich angeleitet und unterstützt haben. Durchweg eine gelungene Kooperation.
 
Jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, ihren Stadtraum öffentlich und legal mitzugestalten ist ein wesentlicher Grund für den Graffiti Battle. Ich persönlich wünsche mir, dass sich aus dem Veranstaltungsformat heraus eine neue legale Wand für Dortmund entsteht. In Hinblick auf Stadtgestaltung findet die Zusammenarbeit mit Künstlern aus der Graffiti-/Streetart-Szene immer mehr Anklang. Immer häufiger wenden sich Städte an das kreative Milieu für innovative Ideen und außergewöhnliche Gestaltungen. Aber nicht nur Stadtverwaltung ruft die kreativen Geister: eine große Rolle spielen insbesondere die Eigentümer. Und unsere Erfahrung zeigt, dass diese sind immer offener für Gestaltungen sind. Und damit meine ich sowohl private Eigentümer, die mal eine Immobilie in der Langen Straße besitzen, als auch Wohnungsbau-Genossenschaften mit zig Beständen, Großunternehmen wie die DEW21, Telekom, Deutsche Post (Eigentümer vieler Stromverteilerkästen) oder der Deutschen Bahn (Eigentümerin der 160 Meter Mauer).

Fotos zum Grafiiti Battle 2014 (c) Stefanie Rogg

Welche Vision von Stadt oder Stadtraum liegt denn unter Euren Aktivitäten und Aktionen bei den Urbanisten?

Der urbane Raum ist ja ein Spannungsfeld für unterschiedlichste Interessen. Das kann konfliktbeladen sein, ist aber eben auch unglaublich spannend. Da ist jede Menge Energie vorhanden, die eben negativ oder positiv in verschiedenen Formen ausgelebt werden kann. Mit vielen unserer Projekten möchten wir gemeinsam mit der Quartierbevölkerung  etwas Positives und gleichzeitig aber auch Strukturen schaffen, um nachhaltig etwas zu bewegen. Beim Battle geht es nicht nur um den Gestaltungseffekt, sondern auch um das Miteinander, und die Beteiligung von Menschen, die sonst vielleicht eher skeptisch gegenüber solchen Aktionen sind. 

Wir alle sind getrieben von der Frage „Wie wollen wir leben“ und was ist nötig dafür? Mit unseren Projekten und Interventionen versuchen wir Antworten zu finden und verschiedene Modelle auszuprobieren. Das betrifft sowohl die Gestalt unsere Stadt aber vor allem das Zusammenleben der Menschen in der Stadt. Mit unseren Projekten und Ideen versuchen wir möglichst vielen Menschen einen Zugang zur Teilhabe, Mitsprache und Mitgestaltung zu eröffnen. Wir sind davon überzeugt, dass die Beteiligung vieler Menschen zu Vertrauen führt, das Verantwortungsgefühl für unsere Lebenswelt erhöht und langfristig eine Akzeptanz für Veränderungen und Entwicklungen in der Stadt sichert. 

Wie würdest du das Unionviertel beschreiben, in dem ihr euer Büro habt und auch das Battle stattfand? Ist das schon ein Kreativquartier, oder anders gefragt, was könnte es dazu machen?

Kreative Menschen finden sich eigentlich in jedem Quartier. Oft benötigt es aber eine Initialzündung, damit diese Menschen auch zusammenkommen, und ermutigt werden ihre Ideen auch umzusetzen. Sicher gibt es im Unionviertel einige Institutionen und Projekte, die so eine Entwicklung begünstigen. 

Foto Kartenankündigung Graffiti-Battle (c) Die Urbanisten

Der Begriff Kreativquartier ist eine Erfindung des Stadtmarketings und hilft gewisse Prozesse an bestimmten Orten zu begünstigen. Und ein derartiges Marketing fördert selbstverständlich „kreative“ Strukturen. Wenn alle Entscheidungsträger hinter dem Leitbild „Kreativquartier“ stehen, werden dadurch bestimmte Interventionen ermöglicht; so auch die Veranstaltungen Graffiti Battle. Insgesamt haben der Verein "Die Urbanisten" und seine Projekte in den vergangenen Jahren sehr davon profitiert.

Kreativität bedeutet für mich aber nicht nur eine Horde Künstler und Kreative  im Quartier unterzubringen und Leerstände mit Ateliers zu füllen, sondern kreative (=innovative) Lösungen für alte Probleme zu finden: Leerstände entwickeln, Perspektiven schaffen,  Lebensqualitäten sichern. Die neuste Entwicklung, die kreatives Handeln aller Partner im Quartier erfordert, ist die Unterbringung und Positionierung gegenüber Flüchtlingen. Im Unionviertel ist in de letzten Jahren eine Menge passiert und ich bin sehr gespannt, ob und wie die Kreativität in andere Bereiche – jenseits der Kultur – überschwappt. 

Welche Rolle spielt aus eurer Sicht Graffiti für die Stadtentwicklung – besonders in Dortmund mit seiner langen Geschichte dieser Kunstform?

Ohne Expertin für die Graffiti-Kultur und-Historie zu sein - Persönlichkeiten werden durch Graffiti im Stadtbild sichtbar, gleichzeitig werden Blicke auf Orte gerichtet, die unter Umständen unentdeckt blieben. Der öffentliche Raum ist Ort der Veränderungen, der Unzufriedenheit, aber auch der Kreativität. Das verbunden mit der Frage „wem gehört der öffentliche Raum“ und wer darf ihn gestalten. Und unsere Antwort darauf ist: Jeder!! Aus dieser Vision heraus haben wir uns gegründet und sehen uns als Wegbereiter und Vermittler für eine kollektive  und vielfältige Gestaltung der Stadt. 

Mit unseren Veranstaltungen und Aktionen versuchen wir Menschen die Möglichkeit zur eröffnen ihr Talent im legalen Rahmen stattfinden zu lassen. Die Gestaltung ist ein Mehrwert für den öffentlichen Raum und damit für die Gesellschaft, Graffiti wird in diesen Momenten ent-stigmatisiert und aus der Illegalität in die Öffentlichkeit gebracht. Das finden nicht alle gleich gut, und mag zu Diskussionen führen. Aber genau das wünschen wir uns: einen konstruktive Auseinandersetzung und Dialog über den öffentlichen Raum und seine (künstlerische) Gestaltung.

Wann ist denn Graffiti eine akzeptierte Kunst oder welcher Teil von Graffiti ist akzeptierte Kunstform geworden? Für viele ist es ja „Schmiererei“ und Sachbeschädigung. Streetart dagegen ist allmählich Kunst.

Ja, Graffiti kann eine Verletzung des Eigentums und Sachbeschädigung sein. Schließlich wird selten zuvor die Einwilligung des Eigentümers eingeholt. Und ja, Graffiti ist in ästhetischer Hinsicht polarisierend. Ich persönlich sehe den Unterschied zum jüngeren Bruder „Streetart“ in seiner Außenwirkung. Während die Graffiti-Szene durch eigene Sprache, Schrift & Technik mehrheitlich nach innen – mit der eigenen Szene – kommuniziert, werden Außenstehende oft mit einem Fragezeichen zurückgelassen. Die Streetart schafft oft Bilder, die von Menschen in der Stadt wahrgenommen und verstanden werden. Oder wenigstens für ein Schmunzeln sorgen. Das dürfte zu einer höheren Akzeptanz führen. Aber auch dabei handelt es sich genauso um Eigentumsverletzung und Sachbeschädigung. Das darf man in der romantisierenden Debatte rund um das Thema Streetart nicht vergessen. 

Graffiti ist ja eine Art Pop-Up Kunst – sie ist nicht auf Dauer angelegt, wird bald übermalt oder entfernt. Wie wollt ihr mit der 160 Meter Mauer umgehen? Die wird ja schon bald nicht mehr so aussehen wie einen Tag nach dem Battle.

Die Wand aus dem letzten Jahr wurde mittlerweile stellenweise übermalt. Ich persönlich sehe das nicht so kritisch. Wir haben nicht den Anspruch, dass die Wand so bleiben muss wie sie jetzt ist. Im Gegenteil, ich würde mir wünschen, dass sie täglich neu aussieht. Aber so weit sind wir noch nicht. Die Wand durfte nur innerhalb der zwei Tage mit Erlaubnis bemalt werden. Alles was jetzt verändert wird, läuft auf eigenes Risiko. 

Und wenn die jetzige Gestaltung gar nicht gefallen sollte, so kann sich der nächste ne Genehmigung einholen und die 160 Meter neu gestalten. Ich freue mich über jede Veränderung.

Die Urbanisten entwickeln Konzepte, vernetzen lokale Akteure und unterstützen Stadtbewohner darin, ihre Ideen und Potentiale zu verbinden. Das Herzstück der Urbanisten ist das Kulturlabor. Hier werden neue Projektideen entwickelt und von einer interdisziplinären Gruppe aus Stadtplanern, Pädagogen, Künstlern, Gärtnern, Soziologen, Designern und vielen mehr professionell beraten und begleitet. Der gemeinnützige Verein ist Impulsgeber, Initiator und Beteiligungsplattform für Stadtbewohner. Die Urbanisten bekommen keine institutionelle Förderung und finanzieren sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Die Gelder der Projektanträge fließen in die Projekte. Nähere Infos und auch das formular zu einer Fördermitgliedschaft finden sich unter: www.dieurbanisten.de 

Text (C) Christian Caravante, Fotos (C) Stefanie Rogg (Titel, Collage 1 "On work") und (C) Die Urbanisten (Bild 3 - Die Gewinnerwand, Collage 2 "Vorbereitungen")

Tipp: Unter www.dieurbanisten.de/projekte/graffiti-battle/graffiti-battle-2014 finden sich spannende Bilder, die das ganze Projekt fotografisch dokumentieren.