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Foto Rotunde - Foto (C) Sebastian Becker / ecce
Rotunde - im Spannungsfeld zwischen Haltung und Unterhaltung

  
Errichtet als Provisorium, zurückgelassen als Bauruine, unter Denkmalschutz gestellt, wiederbelebt als Oase der Kultur, erneut geschlossen und nun auf dem Weg zurück zum kulturellen Dreh- und Angelpunkt. So sieht die Geschichte der Rotunde in kurzen Stichpunkten aus. Sven Nowoczyn liebte sie schon für das, was sie war, als sie noch unter anderer Leitung stand. Nun möchte er sie wieder zu der alternativen Location Bochums machen, einem Ort der Alternativkultur – im Spannungsfeld zwischen Haltung und Unterhaltung.

Das Bermuda3eck und die Diskothek Riff boomen, wie das Licht die Motte ziehen sie Menschen über die Grenzen Bochums hinaus an. Eine Wüste aus Evengastronomie und Mainstreamdiscos. Irgendwo dazwischen: Der alte Katholikenbahnhof – verlassen und heruntergekommen. Es ist das Jahr 2010. Der Bau mit dem gläsernen Dachaufsatz und den vielen Räumen steht seit 15 Jahren leer, nun soll er wieder die Türen öffnen. Er soll im Charme des alten Bahnhofs zur Heimat eines facettenreichen und subkulturellen Angebots und damit zu einem der alternativen Kulturorte Bochums werden. Zwischen den alten Backsteinmauern, den Graffitis und den mittlerweile mit Holzbrettern verschlagenen Fenstern, im schummerigen Licht, welches durch die teilweise besprühten teilweise schlichtweg verschmutzten Fenstern des runden Oberlichts kommt. Hier werden Menschen abends Lesungen lauschen. Sie werden nachts tanzen und am nächsten Tag vielleicht mit Kater ein Konzert besuchen. Formate wie das N.A.T.U.R.-Festival, der YARD-Designmarkt, Weine vor Freude, das We Trust! Festival sowie diverse Partyreihen werden hier im Spannungsfeld zwischen Haltung und Unterhaltung ihre Bühne haben. 

 Fünf Jahre blüht der alte Bahnhof auf, dann schließt er 2015 seine Türen und das Wasser einer letzten Oase im ausgetrockneten Flussbett versickert im Sand. Denn so ambitioniert das Konzept, so tragend die Rolle der Rotunde für Bochum war, sieht die Nutzungsgenehmigung nur einen Zeitraum von fünf Jahren vor. 

Nach der Schließung war lange unklar, was mit der Rotunde passieren soll, aber nun - zwei Jahre später - will Sven Nowoczyn sie erneut im alten Glanz mit neuem Anstrich erstrahlen lassen: “Ich sitze seit zwei Jahren vor der Rotunde. Ich sehe sie immer vom Büro aus. Ich kenne sie auch von früher. Wir machen Veranstaltungstechnik und haben die Rotunde häufig bestückt. Meine Frau und ich finden, dass es eine wunderschöne Location ist und sehr zentral. Etwas Besseres gibt es hier nicht. Irgendwann haben wir dann gesagt: Warum nicht? Einfach machen.” Er möchte das alte Gebäude wieder zu der Anlaufstelle für Kulturnomaden machen, die es die fünf Jahre der Zwischennutzung war. Zu einem Ort, an dem durstige Erfrischung finden - für Körper und Geist. 

Foto Rotunde Oben (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Sven Nowoczyn (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Rotunde Wände innen (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Rotunde Dach aussen (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Rotunde Raum Baustelle innen (C) Sebastian Becker / ecce
Foto Bauzubehoer (C) Sebastian Becker / ecce

Doch bevor der alte Katholikentagsbahnhof zum „autonomen Zentrum“ wurde, wie Sven die Rotunde scherzhaft nennt, war er in erster Linie eins: eine Zwischennutzung. Nachdem die Alliierten im zweiten Weltkrieg rund 80% von Bochum und damit auch den alten Hauptbahnhof zerstört haben, plante die Stadt einen neuen Hauptbahnhof circa 600 Meter entfernt vom alten. Dort, wo er auch heute zu finden ist. Bis dieser jedoch fertig gestellt war, musste ein Provisorium, eine Zwischennutzung her. So entstand der alte Katholikentagsbahnhof. Ein schlichtes Gebäude aus roten Backsteinen, mit einem eleganten aus Naturstein geformten Eingang und der charakteristischen Rotunde mit Glasaufsatz. Einige Tage nach der Eröffnung am 31. August 1949 fand der zweite Katholikentag nach Kriegsende statt. Ein Großereignis, das dazu führte, dass unzählige Menschen nach Bochum reisten, allein eine halbe Millionen zur Schlusskundgebung, und der Bahnhof seinen Namen erhielt. 

1957 wurde schließlich der neue Hauptbahnhof fertiggestellt und der alte Katholikentagsbahnhof verlor seinen Nutzen. Zwar wurde zwischenzeitlich eine Bundesbahnschule im alten Bahnhof eingerichtet, aber als die Bahn das Gebäude 1994 endgültig aufgab, passierte knapp 15 Jahre nichts. Der heute unter Denkmalschutz stehende Bau wurde seinem Zerfall überlassen. Die Jahre zogen ins Land und nicht spurlos an Bochum vorbei. Immer mehr große Firmen wanderten nach und nach ab und die Stadt rutschte zwangsläufig in den gerne genannten Strukturwandel. Auch davon betroffen: der ehemalige Katholikentagsbahnhof. 

Vom Provisorium zum Provisorium 

2008 versuchte sich die Projektgesellschaft Alter Bochumer Hauptbahnhof rund um den Bochumer Autoren Frank Goosen an der Bauruine, doch konnten sie ihr ursprüngliches Vorhaben Café Industrie aus baulichen Gründen nicht realisieren. Auftritt Andreas Kellner. Der ehemalige Redakteur und Geschäftsführer der Tux Gastro GmbH nahm ihn schließlich als Geschäftsführer der Projektgesellschaft unter seine Fittiche, renovierte ihn und machte daraus die Rotunde, einen skurrilen Ort der Kultur zwischen dem Bermuda3eck und dem Riff. 

Fünf Jahre genehmigte die Stadt vorerst die Nutzung des Gebäudes. Dementsprechend wenig Renovierungsaufwand wurde vor der Eröffnung betrieben. „Die Besucher beschwerten sich zunehmend über die Sanitäranlagen“, erzählt Sven Nowoczyn, der zukünftige Betreiber der Rotunde, „aber wenn du weißt, dass nach fünf Jahren Schluss ist, renovierst du auch nicht.“ Dabei sei Andreas Kellner durchaus daran interessiert gewesen, die Rotunde langfristig zu etablieren. Aus einer Pressemitteilung geht hervor, dass sie die Location erweitern und professionalisieren wollten, als die Baugenehmigungen jedoch auf sich warten ließen, entschied er sich andere Wege zu gehen. Interessenten gab es in der Zwischenzeit genug, erzählt Sven Nowoczyn, jedoch hat Leonardo Leo Bauer, der Besitzer der Rotunde, stets abgelehnt. Stillstand. 

Zurück zu altem Charme 

Zumindest bis Mitte 2016. Dort begannen die Renovierungsarbeiten in der Rotunde, nachdem Sven sein Interesse bekundete. „Leo hätte die Rotunde auch gewinnbringend verkaufen können, hat er aber nicht”, erzählt er. Vermutlich, weil auch er sich bewusst darüber ist, wie wichtig dieser Ort für Bochum ist - trotz oder vielleicht gerade, weil Leo Bauer als Begründer des Bermuda3ecks gilt. Nun möchte Sven sie erneut zu dem charmanten Störfaktor machen, einem Drehpunkt der Bochumer Kulturlandschaft und des Kreativ.Quartiers Vikotria.Quartier. Früher ebenfalls Musiker, schätzt er sie für das, was sie war: „Ich fand die Rotunde immer gut, wie sie war. Ich fand das unglaubliche Spektrum super.“ Daher ist er sich bewusst, dass er in große Fußstapfen tritt – denn die Rotunde ist den Märtyrertod gestorben. Zwar will er den Facettenreichtum wahren, dennoch werden sich ein paar Dinge ändern. Im vorderen Teil in Richtung des Bermuda3ecks wird ein Restaurant mit kleiner Bar entstehen, der hintere Teil inklusive der namensgebenden Rotunde wird weiterhin Veranstaltungen beheimaten. „Das wird nicht jedem gefallen, aber das muss es auch nicht.“ Wichtig ist ihm jedoch, dass jedem klar ist, dass es keine Kleinkunst-Bühne à la Café Industrie von Frank Gossen wird, wie es gerüchteweise in dem Lokalmedien die Runde machte. „Frank Goosen wird sicherlich mal bei uns lesen, wenn er möchte. Aber es wird keine Kabarettbühne. Es wird eine gute Mischung. Wir sind offen. Wenn zum Beispiel das N.A.T.U.R.-Festival wieder anklopft, kann ich mir das auch gut vorstellen.“ 

Der alte Charme soll ein weiteres Mal erhalten bleiben. Es wird lediglich entstaubt und im Rahmen des Denkmalschutzes renoviert. „Wir wollen Leute im Bermuda3eck ansprechen, die keinen Bock haben sich dahin zu setzen und den x-ten Junggesellenabschied zu erleben. Das ist ein total schönes Fleckchen, wo man sich im Sommer abends mal draußen hinsetzen und ein Bierchen trinken kann. Auch das Restaurant wird ein einfaches Ding, in dem es drei, vier Hauptspeisen gibt, die regional und saisonal sind. Kein Burgerladen und auch keine Shishabar“, scherzt Sven. 

Neben der Gastronomie hat der neue Betreiber und ehemalige Musiker noch weitere Ideen. Er erinnert sich beispielsweise gerne an die RockIn Veranstaltungen im heutigen ZAK, wie sie zwischenzeitlich auch in der Rotunde stattgefunden haben. „Da hat jede Band aus Bochum gespielt. Ich will sowas auch machen. Ich will jungen Bands, eine Auftrittsmöglichkeit geben. Da kommen dann nur 30 Leute, die Mama und der Cousin, aber das ist eine wichtige Sache.“ Gerade in Hörweite des neuen Anneliese Brost Musikforums dient ein Alternativprogramm dem Facettenreichtum. Auf der einen Seite Hochkultur in Form von Klassik im architektonischen Vorzeigeprojekt, auf der anderen Seite die subkulturelle Bühne für Bochums Nachwuchs in der ehemaligen Bauruine. „Es gibt unzählige Bands hier, teilweise auch richtig gute. Aber das ist egal. Bei RockIn konntest du spielen, da musstest du keine CD abgeben, jeder hatte seine halbe Stunde. Hinterher war das richtig gut; da waren teilweise so trashige Bands, da habe ich vom nackten Sänger bis hin zum Schlagzeuger mit vier Bassdrums alles gesehen. Wenn sich das rumspricht, dann zieht das bestimmt auch Leute, die Bock haben sich für einen Fünfer ein paar Bands anzugucken.“ 

Hochkultur trifft Nische 

Trotzdem verschließt sich Sven nicht vor Kooperationen. Er könnte sich zum Beispiel vorstellen auch mit dem Musikforum zusammenzuarbeiten – wie in Leipzig zum Beispiel: „Da spielt das Orchester ab und an nach großen Konzerten in einem Ort der Subkultur eine Session.“ Darüber hinaus wünscht er sich eine weitere Belebung des nahegelegenen Innenstadtraumes. „Es wäre schön, wenn hier mehr Ateliers oder Proberäume wären. Wenn hier wirklich Kreative Fuß fassen würden.“ Für ihn reicht es jedoch nicht, das Kreativquartier nur als solches zu bezeichnen. „Selbst wenn Räume geschaffen werden - welcher Kreative soll sich für 25 Euro den Quadratmeter ein Atelier einrichten?“ Vor allem, nachdem eine der Flächen genau gegenüber der Rotunde nun an einen Investor abgegeben wurde, der dort ein neues Hotel bauen möchte. Das ist nicht nur problematisch für die, die sich neu ansiedeln wollen, sondern auch für die, die schon da sind. Im speziellen die Rotunde und das Riff. “

Die Rotunde wird es wieder geben”, soviel steht fest, versichert Sven. Mitte Juni soll sie eröffnen und sich von ihrer facettenreichen Seite zeigen. In der Eröffnungswoche sind nach dem offiziellen Teil zwei Partys angesetzt und „auf jeden Fall etwas Experimentelles“. Dann kann am Wochenende wieder zu guter Musik getanzt werden, Konzerte genossen und Literatur gelauscht werden. Es wird wieder Wein getrunken, handgemachtes Design zum Kauf und gutes Essen zum Verzehr angeboten. Dann wird das schöne Gebäude vielleicht von der Rolle der Zwischennutzung befreit und endlich zu einer Oase, die niemals versiegt. 

Text (c) Jan Kempinski; Fotos (c) Sebastian Becker